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Die verlorenen Straßen von Bruckhausen

19.02.2008 | 08:20 Uhr
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Ganz anders ist die Stimmung unter den Käufern auf dem Freitagsmarkt. Die meisten glauben, dass das Leben im restlichen Bruckhausen durch den Grüngürtel besser wird. Sie hoffen, dass ihr Stadtteil dadurch vielleicht ein bisschen wegkommt vom Schmuddel-Image.

„Die werden noch Augen machen“, sagt Lale Yarar. In ihrer Stimme schwingt ein bisschen Bitterkeit mit. „Viele Leute sind nicht wirklich informiert. Die hören nur ‚grün’ und denken gleich ‚gut’.“ Lale Yarar glaubt nicht an diese Gleichung. Und sie glaubt nicht, dass 190 Häuser das Ende sein werden.

„Die Stadt wird irgendwann auch den Rest von Bruckhausen abreißen“, sagt sie. Sie bezweifelt auch, dass die Leute zufrieden sein werden, mit dem, was die Stadt ihnen für ihre Häuser bietet, bevor sie verschwinden.

Das Ende eines Hotels

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 Einer, der sicher zu den Verlierern gehören wird, ist Erwin Grzenczyk. Erst vor sechs Jahren hat er in der Kaiser-Wilhelm-Straße in Bruckhausen eine Pension mit 17 Zimmern eröffnet.

Im „Haus Viktoria“ steigen viele Monteure ab. Rund die Hälfte der Gäste arbeitet für Thyssen-Krupp. So lebt die Pension bislang von der unmittelbaren Nachbarschaft mit dem Konzern, jetzt soll sie deswegen sterben. Die Kaiser-Wilhelm-Straße grenzt direkt an das Thyssen-Krupp-Gelände.

Wohnhäuser und Schwerindustrie sind nur durch eine vierspurige Straße voneinander getrennt. Viele Häuser wirken noch ein bisschen verrußter, noch ein bisschen trostloser. Mit ihrer schneeweißen Fassade und dem marmorbedeckten Hauseingang ist die Pension Viktoria eine Ausnahmeerscheinung.

 „Als ich das Haus gekauft habe, war es in völlig desolatem Zustand“, sagt Erwin Grzenczyk.  „In die Renovierung habe ich so viel Zeit, Geld und Herzblut reingesteckt, das kann mir niemand ersetzten.“ Mitte 2006 hat er von dem Abriss erfahren. Da war die Vorderfront seiner Pension gerade halb fertig.

Thyssen: Keine Expansion mehr in Bruckhausen

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 Wenige Schritte von der Pension Viktoria entfernt bricht die triste Häuserzeile der Kaiser-Wilhelm-Straße plötzlich ab. Auf einer Rasenfläche ragt das wuchtige Hochhaus der Thyssen-Krupp Steel AG in den strahlend blauen Winterhimmel.

In einem der Büros hinter der spiegelnden Glasfront sitzt Erwin Schneider. Der Leiter der Kommunikation hätte in früheren Zeiten vielleicht selbst in Bruckhausen gelebt. Denn als August Thyssen das erste Stahlwerk 1891 in Betrieb nahm, wollte er, dass auch die Direktoren und höhere Angestellte in der Nähe wohnten. Die Direktoren haben Bruckhausen längst verlassen, irgendwann folgten ihnen die Arbeiter.

„Bruckhausen schrumpft immer weiter, ebenso wie das Mietpreisniveau“, sagt Erwin Schneider. Der Abriss sei die sinnvollste Lösung. So einfach und plausibel klingt die Geschichte, wenn der Pressesprecher sie erzählt. Die Stadt habe sich an Thyssen-Krupp gewandt. Der Konzern beteilige sich am Grüngürtel-Projekt als guter Nachbar. „Wir profitieren davon nicht im geringsten“, sagt Erwin Schneider.

Nein, Thyssen-Krupp plane keine weitere Expansion für diesen Standort. Und auch der neue Hochofen 8 sei längst genehmigt gewesen, bevor die Grüngürtel-Pläne entstanden seien.

So klein und doch so nah

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Erwin Schneider führt auf das Dach des Büro-Hochhauses. Unten erstreckt sich das Gelände der zweitgrößten Stahlfabrik der Welt. Ein gigantischer Wald aus rauchenden Türmen, dampfenden Schloten, wuchtigen Hochöfen und verästelten Rohren. 12.000 Menschen produzieren hier über fünf Millionen Tonnen Stahl pro Jahr.

Schimanski hat sich vor dieser Industrie-Kulisse schon oft in Szene gesetzt. Zur Linken scheinen sich die Straßen von Bruckhausen im Schatten des Stahlwerks beinahe zu ducken. Irgendwo da unten, im Meer aus schwarzen Ziegeldächern, muss auch die Edithstraße Nummer 15 sein.

Aus dieser Perspektive wirken die Häuser erschreckend unbedeutend. So winzig, als könne man sie mit zwei Fingern fassen und einfach wegsetzen – wie Spielzeug.

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