Die Microsoft-Lobbyistin und WikiLeaks
29.09.2010 | 11:22 Uhr 2010-09-29T11:22:00+0200
Essen.Nach dem Ausscheiden des deutschen „WikiLeaks-Sprechers“ wird dem Gründer Julian Assange mangelnde Transparenz der Strukturen vorgeworfen. Ein Blick in die Grauzonen hinter den Kulissen des Enthüllungsportals.
Im Streit um den Rücktritt des deutschen WikiLeaks-Sprechers kommt vieles an Licht. Auch dubioses. Da wird dem Gründer Julian Assange fehlende Transparenz vorgeworfen und diktatorisches Gehabe. Gleichzeitig heißt es, das Netzwerk sei nicht professionell genug und etliche eingereichte Dokumente würden anders als versprochen nicht veröffentlicht. Ein Blick hinter die Kulissen von WikiLeaks offenbart tatsächlich viele Schattenspiele.
Da ist zum Beispiel dieser Hang zu Heimlichtuerei, wo eigentlich keine Bange geboten sein sollte. Unklar ist, wer die Arbeit der angeblichen Enthüller finanziert. Es ist die Rede von Stiftungen und Spenden. Die Zahlen werden genauso wenig wie die dazu gehörenden Belege veröffentlicht.
Geheim, geheim
Genauso ist unklar, wie viele Helfer WikiLeaks tatsächlich hat. Und wer da im Schatten mitarbeitet. Um die Entscheidungsfindungen wird intern genauso Geheimhaltung geübt, wie über die Frage der Veröffentlichungsprinzipien. Man soll glauben, alles sei koscher, ohne nachprüfen zu können, ob das auch stimmt. Denn wer sich mit Geheimdiensten anlegt, könne nicht sich selbst offenbaren, heißt es aus dem WikiLeaks-Dunstkreis. Zu groß ist die Angst, das Portal selbst könnte manipuliert, gehackt oder gelöscht werden.
Die Lobeshymnen auf WikiLeaks erscheinen angesichts dieser Verschleierungstaktik seltsam. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die großen Enthüller, wie Bob Woodward (Washington Post) oder Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung), immer offen mit ihren Namen für die Qualität ihrer Informationen gebürgt haben. Wieso haben es diese Reporter nicht nötig, sich hinter geheimen Identitäten zu verbergen, wenn sie doch mit dem Watergate- oder Flickskandal wesentlich härter Geschichten herausgebracht haben, als das WikiLeaks vermochte.
Manchmal scheint es, als wären mit einigen WikiLeakern die Pferde durchgegangen. Der Sprecher des deutschen WikiLeaks-Ablegers beispielsweise nannte sich bis zu seinem Ausscheiden Daniel Schmitt. Dieser Name ist falsch. Ausgedacht. Er habe sich nur so genannt, weil er bei einer „Sache“ mit einer Schweizer Versicherung lieber nicht auffallen wollte, sagt Daniel Schmitt, der im wirklichen Leben Daniel Domscheit-Berg heißt. Danach habe er den Zeitpunkt verpasst, seine Tarnung zu entfernen. Alle Welt habe ihn schließlich nur unter der Tarnkappe gekannt.
Aber ist das auch wirklich so? Oder sollte hinter der Tarnung nicht doch eine ganz andere Verbindung verschwinden.
Verheiratet mit der Lobbyistin von Microsoft
Die Ehefrau von Daniel Schmitt alias Daniel Domscheit-Berg ist Anke Domscheit-Berg. Diese ist eine Art Lobbyistin von Microsoft Deutschland. Ihr offizieller Titel im Tochterunternehmen des amerikanischen Softwarehaus lautet: Director Government Relations. Sie kümmert sich in dieser Position als IT-Expertin um Verbindungen zu Entscheidungsträgern in den öffentlichen Verwaltungen. Seien dies Regierungen, Landräten oder Staatskanzleien. Dort soll Anke Domscheit-Berg im Auftrag von Microsoft die Idee vom transparenten Staat verbreiten.
Sie selbst sagt, dies sei ihre Leidenschaft und decke sich zufällig mit den Unternehmenszielen. Sie sei privat, wie Microsoft offiziell, für Open-Source-Systeme, für Cloud-Computing und für den öffentlichen Durchblick durch staatliche Prozesse. Neben ihrer Arbeit kümmert sich die Lobbyistin - ob privat oder bezahlt - um Government 2.0-Lösungen, und versucht den deutschen Staat zu überzeugen, möglichst viel über Microsoft-Systeme online abzulegen. In ihrem privaten Twitteraccount „anked“ wirbt sie beispielsweise genauso für diese Ziele wie als Vorstandsmitglied Government 2.0 Netzwerk D.
Engagement in der Frei- und Arbeitszeit verschwimmen
Es ist bei Anke Domscheit-Berg nicht mehr zu erkennen, was bei ihr ein Engagement in der Freizeit ist und was als Einsatz in der Arbeitszeit durchgeht. Wie in der Welt der Lobbyisten so oft üblich, vermischt sich Privates mit dem Beruf bis zur Unkenntlichkeit der Grenzen. Microsoft sagt zu dieser Art von Tätigkeit: „Bei Microsoft haben wir ein sogenanntes Vertrauensarbeitszeitmodell. Danach ist es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weitgehend überlassen, ihre Arbeitszeit einzuteilen. Gemessen wird die Arbeitsleistung anhand der Zielerreichung.“
Doch welche Ziele sind denn noch rein beruflich, wenn sich alles vermischt?
Auch WikiLeaks fand die Microsoft-Lobbyistin bislang gut. Dies allerdings rein privat, wie Anke Domscheit-Berg betont. Und auch Microsoft sagt, man habe lediglich von der Nähe zu WikiLeaks gewusst, darin aber kein Problem für die Lobbyarbeit im Interesse des Konzerns gesehen. Dabei vermengte die Microsoft-Lobbyistin ihre Öffentlichkeits-Leistungen pro WikiLeaks fröhlich mit der PR-Arbeit für Microsoft. Im Deutschlandfunk beispielsweise lobte sie das Portal als Beispiel „für eine Bewegung, die mit den Methoden des Internets eines transparenteren Staat“ durchsetzt. Ganz im Interesse Microsoft für transparente Regierungs-Software.
Gleichzeitig twitterte Domscheit-Berg von ihrem privaten Account „anked“ fast täglich pro WikiLeaks. Immer wieder wies sie auch auf dessen Thesen ihres Mannes unter dessen Decknamen hin. Damit nicht genug. Sie betrieb auch so eine Art von systematischer Public Relations pro WikiLeaks. Als die taz etwa einmal was Kritisches über WikiLeaks berichtete, konterte die Lobbyistin via Twitter: „einer der schlechtesten tazartikel ever (“loch im leak“, ü @WikiLeaks) bekommt verdiente kritik“. Später dann kam diese Werbe-Mitteilung über den Domscheit-Berg-Twitter-Account: „MicrosoftPresse RT @WindowsGermany: Internet Explorer-Add-On: Alle WM-News und Ergebnisse live im Browser“. Dann warb Anke Domscheit-Berg für das „Whistleblower-Treffen in Berlin“ und sorgte sich um den Streit zwischen Pentagon und WikiLeaks. Oder kümmerte sich um die App genannten Runterlade-Programme der US-Army. „Congratulations“. Um weiter zu spotten: „RT @lexikon1: Hahahah silly, idiot ‚journalists’…“
Fördert Microsoft WikiLeaks?
Die Frage ist, ob eine Microsoft-Lobbyistin auf diese Weise WikiLeaks öffentlich unterstützen kann? Hat sie eventuell sogar noch mehr gemacht? Ist sie etwa im Auftrag von Microsoft eine der heimlichen Unterstützerinnen im Hintergrund von WikiLeaks?
Sie selbst sagt, sie habe das Netzwerk nur so privat unterstützt, weil sie WikiLeaks gut findet – mehr nicht. Sie habe nie daran mitgewirkt. Und weiter sagt sie: „Meine private Meinung ist keine PR für WikiLeaks“. Ihr Arbeitgeber sagt, WikiLeaks stehe nicht in Konkurrenz zu Microsoft, insofern gebe es da nichts vorzuwerfen, auch handele es sich bei dem öffentlichen Applaus pro WikiLeaks bei Twitter nicht um Public Relations. „Sich in Social Media Plattformen zu engagieren und als Privatperson Stellung zu beziehen, ist gesellschaftliches Engagement, das wir uns von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wünschen.“
16:25
Herr Schraven,
he4rzliche Glückwunsch, mit diesem Artikel beweisen Sie das guter Journalismus noch möglich ist in Deutschland.
Heutzutage verhökert Herr DDB seine Enthüllungen über einen NewYorker Verlag, völlig begreiflich das solch eine Figur für Wikileaks untragbar ist.
07:32
Herr Schraven,
ich hoffe Sie bleiben am Ball und legen noch einen Artikel nach. Wenn sich schon Presseheinis von Microsoft und einige Freunde, Bekannte, Kunden und was auch immer von Anke Domscheit-Berg so sehr genötigt fühlen sich hier zu Wort zu melden, dann kann an der Sache eigentlich nur etwas faul sein.
21:32
Eines macht mir der Artikel von David Schraven klar: Als Open-Source-Verfechterin, als eGovernment-Twitterin-anked, als Wikileaks-Unterstützerin, ist Frau Domscheit-Berg unglaubwürdig.
Denn wer bei BP arbeitet, ist als Greenpeace-Aktivist ungeeignet, dasselbe gilt übertragen für Microsoft und Wikileaks.
Das hat auch nichts mit Vertrauensarbeitszeit zu tun, sondern mit moralischer Integrität.
Ohne diesen Artikel wäre mir zumindest die eheliche Verbindung zu Daniel Domscheit-Berg verborgen geblieben, insofern ist er durchaus von Nutzen.
Ferner ist der Hinweis zumindest plausibel, Microsofts Engagement im öffentlichen Sektor könne von den Aktivitäten Wikileaks profitieren.
Für die These, deshalb sei es insofern möglich gewesen, dass Microsoft Anke Domscheit-Berg wissentlich in ihrer Unterstützung von Wikileaks gefördert habe, kann ich allerdings keine konkreten Anhaltspunkte finden. Hier greift wiederum der Hinweis auf das Vertrauensarbeitszeitmodell der Lobbyistin zu Recht.
@David Schraven - machen Sie weiter, recherchieren Sie, graben Sie tiefer!
23:50
l
Also ich finde den Artikel auch sehr schlecht und kann den Sinn nicht ganz verstehen.
Ob Daniel Domscheit-Berg sich vor oder nach dem Beginn seiner Beziehung mit seiner jetzigen Frau dazu entschieden hat ein Synonym zu benutzen weiß ich leider nicht, doch kann ich mir kaum vorstellen das es deswegen ist weil sie für Microsoft arbeitet.
Und hier wird es sehr abenteuerlich in ihrem Artikel. Sie stützen sich ausschließlich in ihren Theorien auf den privaten Twitter Account der Frau und haben anscheinend das Vertrauensarbeitszeitmodell auch nicht ganz verstanden. Wenn also Frau Domscheit-Berg zur besten Arbeitszeit ihren Mann in einer privaten Twittermeldung unterstützt und sagen wir mal 20 Minuten später über diesen ein Add bewirbt stricken sie daraus das Microsoft heimlich WikiLeaks unterstützt. Wirklich? Das sind ihre Fakten? Bild???
Ein Bob Woodward oder Hans Leyendecker hätten jetzt Dokumente aus dem Hut gezaubert welche Microsoft belastet hätten und die bei WikiLeaks zurückgehalten worden. Oder einen Grund genannt warum Microsoft Wikileaks unterstützen sollte. Eine Firma die mit dem Amerikanischen Behörden zusammenarbeitet die nachweislich nicht gut über WL denken. Wenn sie jetzt beim Whistleblower-Treffen in Berlin für welches sie „geworben“ hat Microsoftfähnchen verteilt hätte oder wenn es sogar gesponsert wurde von MS, dann hätten sie vielleicht eine Story, aber so....Wirklich? Privater Twitteraccount von einer Person wo bekannt ist das sie nach dem Vertrauensarbeitszeitmodell arbeitet. Nochmal meine Frage....Wirklich???
17:29
Dieser Artikel hier ist genau so schmierig wie die Aussage von WikiLeaks offiziellem Twitter Account, dass D.D.B. bereits vor einem Monat beurlaubt war...
Mir persönlich reicht DIE Information aus - ich will nicht wie bei OP Northwood 25 Jahre warten bis die Wahrheit ans Licht kommt. Die Figuren dahinter sind Nebensache! Aber diffamieren hat in Deutschland Tradition - also weiter so!
Kleine Denkanstöße: Auslöser 1. WK, Auslöser 2. WK, Auslöser Panama-Krieg, Auslöser Vietnam-Krieg, Auslöser Irak-Krieg, Auslöser Afghanistan-Krieg- naaa dämmerts? Alles Verschwörungstheorien - so lange bis die entsprechenden Dokumente von-wem-auch-immer veröffentlicht werden, die leider immer wieder glasklar beweisen wie recht doch die bösen, paranoiden Verschwörungstheoretiker hatten.
In diesem Sinne:
In einer Welt aus universeller Täuschung ist das Aussprechen von Wahrheit ein revolutionärer Akt und muss sofort durch Diffamierung als Verschwörungstheorie lächerlich und unglaubwürdig gemacht werden.
(Meine Interpretation von George Orwell)
11:57
Herr Schraven,
mit Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen.
Es ist bei Anke Domscheit-Berg nicht mehr zu erkennen, was bei ihr ein Engagement in der Freizeit ist und was als Einsatz in der Arbeitszeit durchgeht.
Wie in der Welt der Lobbyisten so oft üblich, vermischt sich Privates mit dem Beruf bis zur Unkenntlichkeit der Grenzen.
......
Doch welche Ziele sind denn noch rein beruflich, wenn sich alles vermischt?
Das ist kein Journalismus, das ist tendenziöse Meinungsmache der übelsten Sorte.
11:43
dieser herr schraven fällt schon länger durch völlig unseriöse berichterstattung auf:
http://is.gd/fI8Nl
der artikel oben ist in etwa so gut, wie ein stück ******** an der wand.
das der westen diesem herrn schraven ein portal für seine enthüllungen bietet, die im besten fall als krankhaft zu bezeichnen sind, ist schon erstaunlich.
aber trotzdem danke an der westen. ihre initiative im netz war ja noch nie sonderlich gut. jetzt zeigen sie aber endlich, was sie von journalismus wirklich halten: nichts.
fakt ist: der westen hat im netz null bedeutung. und das ist auch gut so.
08:04
Wenn man das hier liest, schiessen einem so einige Gedanken durch den Kopf:
- Hätte ich nur bei Microsoft gearbeitet. Die stehen nämlich offensichtlich hinter ihren Leuten. Meine Chefs taten das fast nie, und wenn sie es doch mal taten, sägte mich die Verlagsleitung ab, nur um ihnen eins reinzuwürgen
- Dass Microsoft sich für Open Source engagiert, ist natürlich ein Skandal und muss durch rücksichtslose Aufkläungsarbeit schleunigst abgestellt werden !!!1elf
- Dass ein (Ex-)Pressesprecher von Wikileaks und eine Sprecherin von Microsoft verheiratet sind, womöglich noch das Bett miteinander teilen, Sex haben und am Ende noch Kinder, also nein, das geht nun natürlich nicht und muss unbedingt in der Presse vom Vorsitzenden des Netzwerk Recherche breitgetreten werden, wenn es schon nicht die Forentrolle tun, wie bei Heise.
- Es ist eine tolle Rechercheleistung, sicher mindestens 2 Sekunden hart gegoogelt, die zwei Inhaber des Namens Domscheit-Berg ausfindig zu machen, nachdem darüber schon tagelang in diversen Foren gewitzelt wurde
- Wenn sich jetzt noch jemand fragt, warum Pseudonyme im Internet leider notwendig sind, ist dieses Negativbeispiel von Enthüllungsjournalismus die Antwort. BILD hätte das auch nicht besser gekonnt.
05:07
Danke Microsoft für die Veröffentlichung des Originaltextes (Ich hab mich noch niemals bei einem Unternehmen bedankt).
Dies bestätigt meine, bereits in #9 geäusserte Vermutung, dass die Story bereits fix und fertig war, bevor die Betroffenen gefragt wurden.
Dass der Artikel trotzdem erschien, nenne ich mal Rechercheresistenz.
Da wir aus Fehlern lernen (jeder von uns hat schon Mist gemacht), dürfte dieses Forum nun doch ein Appell dafür sein, mehr auf Qualität zu achten. Ein Appell an Verleger und Intendanten, die Redaktionen personell so auszustatten, dass den Mitarbeitern Zeit für Recherche bleibt. Nur dann überleben die alten Medien. Sonst machen es die Leser, Hörer und Zuschauer einfach selbst, wie dieses Beispiel zeigt. Die haben nämlich die Zeit, die den heutigen Blattmachern offensichtlich fehlt. Zum Erfolgsmanagement gehört nämlich auch, soviel Zeit zu haben, eine Story so gut zu recherchieren, dass man es sich erlauben kann (und darf), auf sie zu verzichten. Die Effektivität einer Redaktion nach Output zu bewerten halte ich grundsätzlich für falsch. Den Korrespondenten in Moskau, der 400 Zeilen in der Woche schriebt, mit dem Lokalreporter zu vergleichen, der 400 Zeilen am Tag schreiben muss, hat bei einigen Verlegern im schlimmsten Fall die Konsequenz, auf den Moskauer Korrespondenten zu verzichten. Hier erleben wir aktuell das Ergebnis.
Dieser Bericht und das Forum (mit allen peinlichen Verschwörungsvorwürfen) sollte nicht nur in allen journalistischen Fortbildungsveranstaltungen Platz finden, sondern vor allem in Seminaren der Verleger. Die sollten sich nämlich daran erinnern, dass die Leser, Hörer und Zuschauer das Produkt nicht wegen der Anzeigen lesen, sondern weil die darin enthaltenen Nachrichten und Berichte exklusiv und gut recherchiert sind.
01:08
Was soll die ganze Aufregerei? Dass das was derwesten.de betreibt mit seriösem Journalismus nur sehr wenig zu tun hat, ist jedem bekannt der regelmäßig mitliest. Was war also zu erwarten?