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Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer

25.02.2010 | 08:39 Uhr
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer

Essen.Den Schulen steht eine Pensionierungswelle bevor, gleichzeitig werden zu wenig Lehrer ausgebildet. Die Folgen sind dramatisch: Bald könnte zwischen den Ländern ein Verteilungskampf um Lehrer ausbrechen. Schon jetzt ist Hessen für einige NRW-Lehrer deutlich attraktiver.

Lehrer wie Burkhard Struwe hätte NRW dringend nötig. Der 43-Jährige unterrichtet Physik und Technik, zwei Fächer, für die Schulen im Land vergeblich nach Lehrern suchen. Doch Struwe hat NRW den Rücken gekehrt. Er hat einen anderen Arbeitgeber gefunden, der deutlich attraktiver ist. Hessen köderte den Seiteneinsteiger gleich dreifach: mit einer längeren Verbeamtungszeit, einem besseren Lohn und kürzeren Arbeitszeiten. „Mein Nettolohn ist in Hessen rund 500 Euro höher“, sagt Struwe. So pendelt er jeden Tag mehr als 50 Kilometer vom sauerländischen Eslohe nach Willingen, direkt hinter der Grenze. Dort unterrichtet er an einer Gesamtschule. In NRW hat der Maschinenbauingenieur nur sein Refrendariat gemacht.

Die Lehrerlücke wächst weiter

Wilfried Müller-Radtke ging noch einen Schritt weiter. Für seine Stelle in Hessen hat er eine Zweitwohnung gemietet. Von Montag bis Freitag lebt der Bonner Familienvater nun in Marburg und unterrichtet an einer Gesamtschule in der Nähe. Auch er hat sich spät für den Lehrerberuf entschieden. „In NRW wäre ich nie verbeamtet worden“, sagt der 47-Jährige. Hier ist mit 40 Jahren Schluss, in Hessen liegt die Grenze dagegen erst bei 50 Jahren. Und Müller-Radtke verdient sogar 1100 Euro netto mehr im Monat. „Als die Schulleiterin aus Hessen bei mir anrief, brauchte ich nur wenige Minuten, um ‚Ja’ zu sagen.“

Schlechte Studienbedingungen: Nur die Hälfte der Studienanfänger landen letztendlich am Lehrerpult, die andere Hälfte bricht ab oder entscheidet sich für einen anderen Job.Foto: ddp

Bundesländer wie Hessen oder Baden-Württemberg gehen in anderen Ländern gezielt auf Lehrerfang. Denn die Lehrerlücke wird immer größer. Derzeit sind laut NRW-Schulministerium 190 Stellen unbesetzt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW geht jedoch von einer weit höheren Zahl aus, da einige Schulen freie Stellen erst gar nicht mehr ausschreiben würden. „Der Lehrer-Arbeitsmarkt in NRW ist leergefegt“, sagt GEW-Landesvorsitzender Andreas Meyer-Lauber.

„Schulen können sich vielfach nicht leisten, Lehrer abzulehnen“

Und der Notstand in den Lehrerzimmern wird immer größer. Die Schulen stehen vor einer gewaltigen Pensionierungswelle. „Bis 2020 gehen die Hälfte der derzeit beschäftigten Lehrer in den Ruhestand“, sagt Klaus Klemm, Bildungsforscher der Universität Duisburg-Essen. Das bedeutet: NRW muss bald um jeden Kandidaten kämpfen. Denn spätestens dann droht ein Verteilungskampf um Lehrer, besonders um jene, die begehrte Mangelfächer wie Mathematik, Informatik, Latein, Musik oder Naturwissenschaften unterrichten. „Ich erwarte, dass vor allem finanzstarke Länder wie Bayern und Baden-Württemberg die Besoldung nach oben schrauben und somit finanzschwachen Ländern die Lehrer abwerben werden“, warnt Klemm.

Um den jetzigen Stand von knapp 789.000 Lehrern zu halten, müssten laut Klemm in den kommenden Jahren jährlich 38.000 neue Lehrer eingestellt werden. Dem stehen jedoch nur bis zu 26.000 fertig ausgebildete Lehrer pro Jahr gegenüber. Auch wenn die Zahl der Lehrerstellen parallel zu den sinkenden Schülerzahlen verringert würde, könnte dies den Lehrermangel nur abmildern, nicht aufhalten. Das Ziel der Landesregierung, in NRW kleinere Klassen einzurichten und den Ganztagsbetrieb weiter auszubauen, rückt damit in weite Ferne. Doch die Folgen sind noch dramatischer: „Die Schulen können sich vielfach nicht leisten, in Mangelfächern Lehrer abzulehnen, die die eigentlich erforderliche Ausbildung nicht erhalten haben“, sagt Klaus Klemm. „Das wird sich auf die Qualität des Unterrichts auswirken.“

Schlechte Studienbedingungen

Klemm und die Lehrergewerkschaft GEW fordern deshalb das Schulministerium auf, eine neue Prognose für den künftigen Lehrerbedarf in einzelnen Fächern vorzulegen. „Zurzeit sind die Studienanfänger auf vage Informationen, beispielsweise aus den Medien, angewiesen“, sagt Klemm. Das reiche absolut nicht aus, um Abiturienten zum Lehramts-Studium in einem Mangelfach zu bewegen. Das Ministerium arbeitet nach eigenen Angaben derzeit an einer aktuellen Version der Bedarfsanalyse von 2006. Ob diese jedoch, wie von der GEW gefordert, bereits vor der NRW-Landtagswahl im Mai vorliegt, ist noch unklar. Der jetzige Stand: Bis 2020 muss das Land rund 85.000 neue Lehrer einstellen, um den Bedarf zu decken.

Darüber hinaus müssten die Studienbedingungen dringend verbessert werden, sagt Klemm. Überfüllte Seminare, lange Wartezeiten und die hohe Belastung durch Nebenjobs – das sind die Umstände, unter denen künftige Lehrer lernen. Nur die Hälfte der Studienanfänger landet letztendlich am Lehrerpult, die andere Hälfte bricht ab oder entscheidet sich für einen anderen Job.

Die Gewerkschafter fordern zudem, dass die Verbeamtung von Lehrern bundesweit einheitlich geregelt wird, um die Abwanderung aus NRW zu stoppen. Pendler Müller-Radtke könnte sich durchaus vorstellen, aus Hessen zurückzukehren: „Wenn im Lehrerzimmer keine Zwei-Klassen-Gesellschaft aus Beamten und Angestellten mehr herrscht.“

Melanie Bergs

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Kommentare
25.02.2010
15:04
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von Christine_F. | #21

Wei die Länder dadurch ne ganze Menge Kohle sparen, solange die Lehrer im aktiven Dienst sind (Rentenversicherungsbeiträge, Arbeitslosenversicherungsbeiträge, Arbeitgeberanteil der Krankenversicherung) Als Angestellte wären Lehrer viel teurer, zumal neben den Lohnnebenkosten dann auch noch das Bruttogehalt deutlich angehoben werden müsste.
Kommt noch hinzu, dass Lehrer dann Streikrecht hätten. Wenn die alle streiken dürften, wäre das mal ein anderes Kaliber als so ein Busfahrerstreik.

Abgesehen davon hat die Frage, warum Lehrer Beamte sein müssen, mit diesem Artikel herzlich wenig zu tun.

25.02.2010
15:01
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von Pullmann | #20

PS: Innerhalb von NRW werben sich die Schulen natürlich auch die besten Lehrer ab.

Ein guter junger Mathematiklehrer bewirbt sich doch erst bei einem Edelgymnasium im Düsseldorfer Norden, geht nicht freiwillig an eine Gesamtschule im Duisburger Norden.

25.02.2010
14:59
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von Pullmann | #19

Was ist das für ein unsinniges Gerede. In der Privatwirtschaft werben sich hunderte Unternehmen die besten Arbeitnehmer ab.

Ein großer Teil der deutschen Mediziner wird vom Ausland abgeworben.

Wer miese Arbeitsbedingungen bietet wie NRW, dem laufen natürlich die guten Lehrer weg, die nicht ortsgebunden sind.

Übrigens gehen auch nicht wenige lieber in die Privatwirtschaft als in den Schuldienst, was man ihnen nicht verübeln kann.

Da jetzt über Föderalismus zu reden, löst doch kein Problem. Deutschland ist traditionell förderalistisch, und das ist auch gut so.

Und mit der Abschaffung des Beamtenstatus wird es mit Sicherheit keinen einzigen Lehrer mehr geben, eher wird sich das Problem verschärfen.

25.02.2010
14:43
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von siebert2 | #18

warum müssen lehrer beamte sein?

25.02.2010
13:44
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von vantast | #17

Der Föderalismus gehört abgeschafft! Er wurde von den Siegermächten verordnet, um Deutschland am Boden zu halten, was leider hervorragend gelungen ist, ein gefesselter Riese.

25.02.2010
12:18
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von Wolfgang R. | #16

Jaja, morgens Recht haben und nachmittags frei.

Wieso interessieren sich dann bloß sowenige für diesen Beruf? 12 Wochen Ferien (=Freizeit) müsste doch der prefekte Anreiz sein?
Haben die Kinder doch endlich dieses von Neid und Unwissen geprägte Gerede der Alten durchschaut?

25.02.2010
11:50
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von peter111 | #15

Schule, Schulpolitik ist für mich ein Thema, was zentral verwaltet gehört. Die Auswüchse zeigen sich seit Jahrzehnten und sind Dauerbrenner wie die Rente, Gesundheit oder der Krieg im Nahen Osten.
Mich kotzt alles gleich an.

25.02.2010
11:25
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von Banjoboy10 | #14

Wenn alle Lehrer nach Hessen wollen, kann man dort die Gehälter kürzen. So ist es doch bei Angebot und Nachfrage, oder?

25.02.2010
10:28
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von vantast | #13

Frau Schavan hatte schon immer gelobt, daß Konkurrenz der Länder im Bildungswesen zu mehr Qualität führen würde. Das wird nun wahr, der bessere (teurere) Lehrer kriegt nun den Zuschlag. Eine gute, marktwirtschaftliche Lösung!
Ironieende.

25.02.2010
10:27
Deutschland droht ein Verteilungskampf um Lehrer
von Santiago | #12

ICH bin dann mal weg! - Das war vor zwei Jahren der Fall. - Trotz Mangelfach Physik (Sek. I) bot sich mir nur ein Vertretungspöstchen Grundschule mit wenigen Stunden!
Studium in NRW, Referendariat in NRW und dann die Wahl: HartzIV oder Grundschulvertretung!
Aus dem Nachbarbundesland kam vor den Sommerferien ein Anruf: Bieten Planstelle mit mehr Gehalt und Verbeamtung bei Wechsel! - Nicht nur das, ich konnte sogar aus mehreren Schulen auswählen!
Das Land NRW vergrault sich die Lehrer. Mit rund 300-400 Euro netto mehr (als Beamter) oder gar 600-800 Euro netto mehr zum Angestellten nach BAT und an die 1000 Euro zum neuen TVÖD ist ein Wechsel doch keine grundlegende Überlegung sonder eine Notwendigkeit!
Eine Rückkehr ist nebenbei schwierig, neben dem Verzicht bei Gehalt, muss ein Lehrer gefunden werden, der aus NRW heraus möchte (Ländertausch) - Diese Abwerbung kann also nur auf die neuen Lehrkräfte zielen und nicht auf den Bestand!
Bildung ist in NRW ein Nischenprodukt, die Zeichen der Zeit (Verbundschulen aus Haupt- und Realschule werden abgelehnt. Gesamtschulen sind überlastet (zu große Klassen). - Lehrer werden nicht ausreichend ausgebildet und durch mangelnde Anreize gibt es auch zu wenig qualifizierte Bewerber.

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