Dem Ruhrgebiet gehen die Akademiker aus
01.09.2010 | 06:24 Uhr 2010-09-01T06:24:00+0200
Essen.Im Ruhrgebiet werden künftig weniger Akademiker arbeiten. Denn viele Hochqualifizierte ziehen Süddeutschland vor. Ein Grund für den Schwund: Das Revier kämpft immer noch mit Image-Problemen.
Das Ruhrgebiet wartet mit viel Gutem auf: Das Leben und die Mieten im Revier sind teils deutlich günstiger als in anderen deutschen Ballungsgebieten, die Zeiten rauchender Fabrikschlote und rußverschmutzer Luft sind weitgehend vorbei, das Revier ergrünt und börsennotierte Großkonzerne haben ihren Sitz in der Millionen-Region. Doch all das reicht im Konkurrenzkampf um Hochschulabsolventen nicht. „Die Revierstädte werden deutlich unterschätzt und unterbewertet“, sagt Lutz Granderath von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PwC).
Die PwC-Experten haben untersucht, wie sich der Arbeitsmarkt in Deutschland bis zum Jahr 2020 entwickeln wird. Ihr Fazit: Akademiker zieht es eher nach Süddeutschland, in den Frankfurter Raum oder in norddeutsche Ballungsgebiete wie die Hamburger Region. „Die wissensbasierte Industrie siedelt sich verstärkt in Ballungsgebieten an, aber nicht im Ruhrgebiet“, sagt Granderath. „Das Revier hat Image-Probleme.“ Innovationen, also neue Techniken oder neue Maschinen, würden künftig in Stuttgart, München oder auch Bremen entwickelt – nicht aber an den traditionellen Industriestandorten an Rhein und Ruhr.
„Dreckige Ruhrgebiets-Stadt“
Einige Unternehmen ziehen zwar trotzdem ins Ruhrgebiet und loben die hiesige Hochschul-Landschaft – zum Beispiel RIM, der Hersteller der Blackberry-Handys. Die Kanadier siedelten ein Entwicklungszentrum in Bochum an. Doch hier ansässige Firmen klagen, dass viele Akademiker lieber anderswo in Deutschland arbeiten möchten. So konkurriert der Dortmunder Chip-Hersteller Elmos um Ingenieure und Fachkräfte mit Unternehmen beispielsweise aus München – also aus einer Stadt mit bundesweiter Anziehungskraft. Trotzdem lobt Wirtschaftsprüfer Granderath eine Stadt wie Dortmund. „Das war vor 30 Jahren eine dreckige Ruhrgebiets-Stadt.“ Die Universitätsstadt habe es aber mit ihrer Ansiedlungspolitik geschafft, Hochtechnologie-Unternehmen und andere Firmen anzusiedeln. Nun steige der Akademiker-Anteil in Dortmund. Auch Bottrop oder Unna hielten sich gut. Diese kleineren Städte seien grün, günstig und lägen dicht an den Großstädten im Revier. Und von Unna sei es nicht weit zum als attraktiv geltenden münsterländischen Wirtschaftsraum.
Das Ruhrgebiet muss aber trotz seiner mangelnden Attraktivität für Hochqualifizierte nicht verzagen, betonen die PwC-Experten. Denn Politik und Wirtschaft könnten noch gegensteuern. Die Experten empfehlen, ein Umfeld zu schaffen, das Unternehmen anlockt, die viele Akademiker und Hochschulabsolventen bräuchten.
Die Experten fordern aber auch, mehr Geld für Bildung auszugeben. Nicht nur in Fachhochschulen und Universitäten – da sei in der Vergangenheit bereits einiges getan worden. „Nötig sind Investitionen in Kindergärten und eine solide Schulausbildung“, sagt Granderath. „Auch Kinder von Migranten müssen stärker gefördert werden; hier besteht seit Jahrzehnten ein Mangel.“ Wer dann im Ruhrgebiet studiere, suche oft auch dort nach einer Arbeitsstelle.
Firmen-Engagement
Ähnlich sieht das der Chef des NRW-Verbands der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaften, Jürgen Schnitzmeier: „Wir müssen uns darum kümmern, dass möglichst viele Schüler möglichst viele gute Abschlüsse erreichen.“ Zugleich müsse der Revier-Ruf besser werden: „Es gibt viele Versuche – Klavierfestivals oder die Kulturhaupstadt 2010 – aber das Ergebnis ist noch nicht zufriedenstellend.“
Der Sprecher der Ruhr-SPD, Frank Baranowski, sieht auch Firmen in der Pflicht. „Die Wirtschaft müsste sich noch mehr engagieren, um den Standort attraktiver zu machen, durch Sponsoring von Kulturveranstaltungen oder der Einrichtung von Betriebskindergärten“, sagt der Oberbürgermeister von Gelsenkirchen mit Blick auf die leeren Kassen vieler Städte.
Aus Sicht der PwC-Experten könnten Ruhrgebiets-Firmen ihr Arbeitsumfeld auch so ausrichten, dass sie vermehrt studierte Frauen – und Männer – anlocken, die Kinder haben und weiter arbeiten möchten. Eine weitere Zielgruppe: Akademiker-Familien, die im Revier günstig leben könnten.
Sozialdemokrat Baranowski hält es für unerlässlich, dass die Wirtschaft vermehrt Akademiker aus der Region, aber auch aus ganz Deutschland umwirbt. „Man benötigt für eine engagierte Gesellschaft alle Gruppen – sowohl Industriearbeiter als auch Akademiker“, betont er. „Denn ein Bildungsbürgertum ist unabdingbar für eine aktive Bürgergesellschaft.“
01:31
Das Ruhrgebiet ist auf dem Weg zu Verhältnissen wie es sie in Berlin Neukölln heute schon gibt. Da kann ich gut verstehen, warum hier kaum noch investiert wird und warum viele gebildete Menschen flüchten.
12:30
Das jammern der Ruhris nervt nur noch. Pessimismus, Separatismus, hoffen auf ein Sonderprogramm Aufbau Ruhr mit massiven Investitionen, hoffen auf eine Ruhrmonsterstadt. Ich Pendle 5 Tage die Woche nach Düsseldorf und empfinde es nicht als schlimm.
Ich fühle mich dort sogar Heimisch, und könnte auf den Kohlenpott verzichten, wenn dort die Wohnungen billiger wären.
14:34
Dem Ruhrgebiet gehen die Akademiker nicht aus, sondern es vertreibt sie. Viele hier geborene und aufgewachsene Hochqualifizierte würde gern weiterhin in einer der Ruhrgebietsstädte leben, doch da sie hier keine Chance auf einen adäquaten Arbeitsplatz haben, ziehen sie in eine andere Gegend. Das ist häufig alles andere als freiwillig und hat wenig mit der angeblich höheren Attraktivität anderer Städte zu tun, sondern ist einfach nur der Tatsache geschuldet, dass das Ruhrgebiet für Hochqualifizierte kaum berufliche Perspektiven bietet. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wovon ich rede, denn als Psychologin finde ich im Ruhrgebiet seit fast 10 Jahren keine angemessene Stelle und pendele gezwungenermaßen. Artikel wie dieser verärgern mich im höchsten Maße - das ist geradezu eine Verhöhnung von Menschen, die im Ruhrgebiet verzweifelt einen Arbeitsplatz suchen.
14:23
Bin ebenfalls Dipl. Ing... Und würde gerne bleiben.
Aber ich finde wohl keinen Job inder Region. Leider.
13:20
#53: Danke für diesen Beitrag, das unterschreibe ich so.
11:00
Dem Ruhrgebiet gehen die Akademiker aus
Vielleicht bei den BWLern
VOM INGENIEUR ZUM TELLERWÄSCHER
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,638189,00.html
DAS MÄRCHEN VOM FACHKRÄFTEMANGEL
http://www.focus.de/finanzen/news/arbeitsmarkt/tid-19321/arbeitsmarkt-das-maerchen-vom-fachkraeftemangel_aid_535617.html
ALS INGENIEUR ARBEITSLOS
http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,690572,00.html
10:43
Wie, was, wo ?
Was ist denn mit unseren Hochleistungsmigranten? Wenn man den schlauen Schreibern hier im Forum folgt, sind da doch die fähigsten Leute drunter.
Also warum fehlen hier Fachleute oder gar Akademiker?
Sind die Gymnasien und Unis nicht gefüllt mit unseren freundlichen Zuwanderern aus der Türkei und Nordafrika?
Was soll die Überschrift zu diesem Artikel dem Bürger eigentlich vermitteln?
Trotz höchster Arbeitslosigkeit, vor allem bei den Ausländern, noch mehr Zuwanderung um diese Lücke zu schließen? Die Arbeitslosen nicht mehr fördern um eventuell diese Lücke aus dem Bestand zu schließen?
Geben wir die Leute die im Sozialsystem hängen einfach auf?
Danke, was dann geschieht kann man bereits im Buch von Sarrazin lesen.
23:30
Bin selbst Ingenieur und überzeugter Ruhri, aber ich kann schon verstehen, daß junge Leute dahin gehen, wo es attraktive Arbeitsplätze gibt, und die sind im Ruhrgebiet schon seit Jahrzehnten dünner gesät als in Süddeutschland.
Ich verzweifele oft an der Mentalität dieser Region, eine merkwürdige Mischung aus Pessimismus einerseits und Schönrednerei andererseits. Die daraus resultiende Lähmung verschärft die vorhandenen Probleme. Es ist eben noch nicht zu spät, aber das Ruhrgebiet muß sich endlich als Einheit begreifen und auch so auftreten, insbesondere gegenüber Düsseldorf und Berlin. Ein Sonderprogramm Aufbau Ruhr mit massiven Investitionen in Bildung, Integration, Nahverkehr, und vielleicht.auch Rückbau nicht mehr zu rettender Viertel, das muß her, sonst verliert das Ruhrgebiet in der Tat den Anschluß.
Übrigens, auch München will den Transrapid nicht...
20:36
Tja, wenn ich nächstes Jahr fertig bin, ziehge ich auch weg, ist doch klar, der Süden ruft mit den besseren Gehältern, netteren und gebildeteren Menschen und mit Kultur. Und das sage ich als jemand der hier seit 22 Jahren lebt. Nix wie weg nach dem Studium
20:16
Na - dann können wir (hier im Revier) ja froh sein, dass München den Transrapid und Stuttgart den Untertagebahnhof bekommt.