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Cyber-Rebell Assange

24.10.2011 | 16:50 Uhr

Frankfurt/Main (dapd). Als Meister der Enthüllung hat sich Wikileaks-Gründer Julian Assange einen Namen gemacht - zugleich aber auch viele Feinde. Nicht nur vor Gericht muss er sich gegen Anschuldigungen zur Wehr setzen, die aus seiner Sicht politisch motiviert sind. Nun haben Finanzprobleme Assanges Lebenswerk vorerst zum Schweigen gebracht.

Die Blockade von Unternehmen wie Visa, MasterCard, Western Union und PayPal ließen keine andere Wahl, als die Veröffentlichung von Dokumenten derzeit auszusetzen, hieß es in der Wikileaks-Erklärung. Sollten die Lücken nicht gestopft werden, drohe Wikileaks zum Jahresende das Aus, erklärte Assange am Montag in London. Mehrere Finanzunternehmen mit Sitz in den USA hatten begonnen, Wikileaks den Finanzhahn abzudrehen, nachdem die Enthüllungsplattform im vergangenen Jahr rund 250.000 Depeschen des US-Außenministeriums veröffentlicht hatte

Mit seinem Eintreten für Informationsfreiheit hat Assange weltweit Anhänger gewonnen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele, denen jeder Rückschlag für den Australier Genugtuung bereiten dürfte. Denn Wikileaks ist mit seinen Gegnern nie zimperlich umgegangen. "Wir haben sie zerquetscht wie ein Insekt", sagte Assange einst in Kalifornien über die Gegenseite in einem Rechtsstreit. Das verwendete Bild passte so gar nicht zu seiner sonst so verbindlichen Fassade - und doch passt es zum Gesamtpaket Assange.

Der Wikileaks-Gründer ist ein Rätsel und ein Spiegel dessen, was Menschen in ihm sehen möchten - wahlweise einen Cyber-Schurken oder eine treibende Kraft für die offene Gesellschaft. Er wirkt vielschichtig und ein wenig sonderbar. Der 40-jährige Australier ohne festen Wohnsitz zürnt seit langem über Ungerechtigkeiten, die zu viel Macht mit sich bringe, und er hat seit langem Angst vor Verfolgung.

Nach der Veröffentlichung geheimer Dokumente zu Afghanistan und dem Irak sowie einer Fülle diplomatischer Depeschen der USA, die die Großmacht in Verlegenheit brachten, wurde Assange am 7. Dezember in Großbritannien festgenommen. Zuvor hatte er sich wegen in Schweden erhobener Vergewaltigungsvorwürfe der Polizei gestellt. Der 40-Jährige weist die Anschuldigungen zurück, spricht von einer Intrige und wehrt sich derzeit gegen eine Auslieferung.

Assanges selbst geschaffenes Image als einsamer Streiter gegen die herkömmliche Ordnung hat möglicherweise viel mit seinen literarischen Wurzeln zu tun. Computer sind sein Leben, doch Bücher sind es auch. George Orwell, der beschrieb, wie Macht korrumpiert und wie totalitäres Ideengut auf Lügen basiert, hatte starken Einfluss auf ihn. Ebenso der US-Schriftsteller Kurt Vonnegut, der für Satire und Nonkonformismus steht, sowie der Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der die Schrecken sowjetischer Arbeitslager beschrieb.

Als Jugendlicher in Australien war Assange als Hacker aktiv, wurde 1991 festgenommen und erhielt eine Geldstrafe. Es wird allgemein angenommen, dass seine Geschichte in "Underground" dokumentiert wird, einem Buch aus dem Jahr 1997 über Hacker, an dem Assange selbst mitarbeitete. Nach Angaben der Autorin Suelette Dreyfus war Assange ein großer Fan von Orwells "Farm der Tiere" und von Arthur Koestlers Roman "Sonnenfinsternis", der in der Zeit der stalinistischen Säuberungen in den 30er Jahren spielt.

Neben seiner Begeisterung für das Internet entwickelte Assange ein politisches Bewusstsein und eine Art von Underdog-Individualismus. Vor Jahren stellte er Einträgen in einem inzwischen nicht mehr existierenden Blog ein Zitat des deutschen Anarchisten Gustav Landauer voran, der 1919 von antirepublikanischen Freikorps-Soldaten ermordet wurde.

Assange schrieb, einige Großkonzerne kämen Nationalstaaten gleich, frei von jeder Rechenschaftspflicht. Und er gab auch bereits früh einen Einblick in das, was er über die ungenehmigte Weitergabe von Informationen denkt: "Je verschlossener oder ungerechter eine Organisation ist, desto stärker rufen Informationslecks Angst und Paranoia in ihrer Führung und ihren Planungsklüngeln hervor." Damit seien diese Organisationen besonders angreifbar für jene, die sie durch offenere Regierungsformen ersetzen wollten und dabei auf das massenhafte Durchsickern von Informationen setzten.

Frühere Mitstreiter haben einen autokratischen, verschlossenen Führungsstil Assanges kritisiert. Er selbst sang in einem Blogeintrag 2007 das Hohelied von Aktivismus und Selbstaufopferung. "So sehr ich es auch versuche, ich kann dem Klang des Leidens nicht entkommen", schrieb Assange. Und: "Männer in ihren besten Jahren, wenn sie Überzeugungen haben, haben den Auftrag, danach zu handeln."

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