Hochschulen : Wohin mit so vielen Studenten?

Berlin. Noch nie zuvor haben in Deutschland so viele junge Menschen ein Studium begonnen wie im vergangenen Jahr. Dieser Rekord dürfte schon bald übertroffen werden. Denn Experten sagen für die kommenden Jahre einen regelrechten Ansturm auf Unis und FHs voraus.
Die WR hat nachgehakt, ob Länder und Hochschulen auf so viele Studenten vorbereitet sind.
Ist die Rekord-Einschreibung eine gute Nachricht?
Ja. Deutsche Unternehmen brauchen gut ausgebildete Akademiker, um weltweit wettbewerbsfähig zu bleiben. Vor allem in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) dürfte die Nachfrage groß bleiben. Deutschland ist als rohstoffarmes Land ganz besonders auf kluge Köpfe angewiesen.
NRW und Bayern sind gut vorbereitet
Wie wird sich die Nachfrage nach einem Hochschulstudium entwickeln?
In den nächsten Jahren fast schon dramatisch. Allein die NRW-Landesregierung rechnet mit 160 000 zusätzlichen Erstsemestern im kommenden Jahrzehnt und mit einem Spitzenwert im Jahr 2013, wenn der doppelte Abiturjahrgang die Schulen verlässt.. Bundesweit spitzt sich die Lage zu.
Wie reagieren Bund und Länder darauf?
Mit dem so genannten Hochschulpakt: Zunächst bis 2010 sollen über 1,1 Milliarden Euro in zusätzliche Studienplätze fließen.
Reicht das?
Viele Experten glauben, dass das bei weitem nicht reicht. Kalkuliert wurde mit 5500 Euro pro Studienplatz. Für die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) stimmt diese Rechnung nicht: Die tatsächlichen Kosten für einen Studienplatz lägen bei 7300 Euro. Außerdem bekommen die neuen Länder und die Stadtstaaten überproportional mehr Geld, damit diese ihre Studienplatz-Kapazitäten trotz geringerer nachfrage nicht abbauen. Darunter leiden die alten Flächenländer wie NRW. Noch ein Nachteil: Der Pakt gilt nur bis 2010. Der Run auf die Hochschulen geht aber danach erst richtig los.
Ist NRW auf so viele Studenten vorbereitet?
Besser als die meisten anderen Länder, trotz der Nachteile im Hochschulpakt. „NRW investiert in neue Fachhochschulen und in den Ausbau bestehender FHs. Das ist am Ende für 11 000 echte neue Studienplätze gut.
Fachhochschulen schlagen die Unis
Zusammen mit dem Geld aus dem Hochschulpakt sollte NRW in der Lage sein, die Nachfrage zu kompensieren”, urteilt Thimo von Stuckrad vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) im WR-Gespräch. Noch mehr engagieren sich übrigens Bayern und Baden-Württemberg. Bayern will eine „Hochschulmilliarde”ausgeben, um über 30 000 neue Studienplätze zu schaffen. Thimo von Stuckrad schränkt sein Lob für NRW etwas ein: „Investiert wird vor allem in die MINT-Fächer. Das dürfte den Zugang zu geisteswissenschaftlichen Fächern weiter erschweren.” Schon heute ist jeder zweite Studiengang in Deutschland zulassungsbeschränkt.
Warum steigt die Nachfrage nach FH-Studien?
Gleich drei gute Gründe nennt Christoph Heine von der Hochschul Informations System GmbH (HIS): „Ein FH-Studium ist viel praxisorientierter als die Ausbildung an der Uni. Mit Bachelor und Master bieten die FHs heute gleichwertige, international anerkannte Abschlüsse. Die Studenten sind dort auch schneller fertig.
Bedeuten mehr Studenten auch mehr Chaos bei den Zulassungen?
Das ist zu befürchten. Der Bildungsföderalismus mache eine gemeinsame Problemlösung fast unmöglich, glaubt Christoph Heine. „Die Zulassungsbedingungen fallen immer weiter auseinander”, so Heine. Dabei sind Unis und FHs schon mit den aktuellen Einschreibungen überfordert.
Rund ums Thema:
- Die Studierlust sinkt in NRW
- Diskussion: Was fehlt den potentiellen Studenten in NRW?
- Studienplatzvergabe ab Wintersemester einheitlich






















