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Bis aufs Blut zerstritten

22.05.2012 | 20:40 Uhr
Foto: /Clemens Bilan

Klaus Ernst ist mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch gekommen. Der Linksparteichef steht am Dienstagabend bei einer Berliner Parteiveranstaltung am Rednerpult, brüllt, wirft die Arme in die Luft und stampft mit den Füßen auf den Boden. Nur wenige Stunden zuvor hat Oskar Lafontaine bekannt gegeben, nun doch nicht für den Parteivorsitz der Linken kandidieren zu wollen.

Berlin (dapd). Klaus Ernst ist mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch gekommen. Der Linksparteichef steht am Dienstagabend bei einer Berliner Parteiveranstaltung am Rednerpult, brüllt, wirft die Arme in die Luft und stampft mit den Füßen auf den Boden. Nur wenige Stunden zuvor hat Oskar Lafontaine bekannt gegeben, nun doch nicht für den Parteivorsitz der Linken kandidieren zu wollen. Ernst versucht noch einmal, Lafontaine zu verteidigen. Doch seine Worte gehen in Buhrufen unter. Das Drama der Linkspartei nimmt seinen Lauf.

Manche Mitglieder sind an diesem Abend offenbar in den Saal der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Osten der Hauptstadt gekommen, um Ernst alle Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Basis verlangt auf der Parteiveranstaltung Erklärungen für die Wahlschlappen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Ernst liefert sie nicht und ist sich keiner Schuld bewusst. Viele der schwitzenden Genossen, die zu Hunderten in den viel zu kleinen Raum strömten, sähen ihn darum wohl am liebsten auf der politischen Schlachtbank.

Wochenlange Diskussionen waren Lafontaines Entschluss vorangegangen, Ernst hatte sich klar auf Lafontaines Seite geschlagen. Nun ist der weg frei für den Bewerber Dietmar Bartsch, der ebenfalls zu der Veranstaltung gekommen ist. Doch Bartsch würde eine bis aufs Blut zerstrittene Partei anführen müssen.

Ernst versucht das Dilemma der Linken mit wenigen drastischen Worten zu umreißen: "Wenn permanent die eigenen Leute ins Schwimmbecken pinkeln, dann springt irgendwann kein Wähler mehr rein." Wenige Minuten später erwidert ein aufgebrachter junger Mann: "Es ist nicht in Ordnung, in welcher Sprache du hier mit Mitgliedern gesprochen hast." Er erntet lauten Beifall, Ernst versucht noch etwas auf die Bühne zu rufen, scheitert aber angesichts der Lautstärke. Die Basis brüllt ihren amtierenden Vorsitzenden nieder.

Auch Sahra Wagenknecht ist zur Veranstaltung gekommen. Lafontaines Lebensgefährtin nimmt neben Ernst Platz, ihr Gesicht wirkt noch mehr schockgefrostet als sonst, doch sie spart sich jeden Kommentar zu Lafontaine. Nur indirekt beklagt sie den internen Umgang: Auf "ziemlich denunziatorische Weise" seien Genossen heruntergemacht worden, sagt sie.

Bartsch wählt die Worte in seiner Ansprache mit Bedacht und geht sogar demonstrativ auf Lafontaine zu. Er würdigt dessen "gewaltige Verdienste" für die Partei. Bartschs Worte klingen im Vergleich zu anderen Beiträgen an diesem Abend gewählt. Noch einmal vermittelt der Vize-Chef der Bundestagsfraktion, wohin die Linke unter seiner Führung steuern würde. "Da wo die Möglichkeit ist, muss man selbstverständlich auch mit Sozialdemokraten zusammenarbeiten", sagt er. Und keiner brüllt oder buht. Nein, die Basis klatscht. Nur Ernst und Wagenknecht lassen die Hände unten.

dapd

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