Bei Anne Will sezieren Kritiker die Gesundheitsprämie
08.03.2010 | 03:54 Uhr 2010-03-08T03:54:00+0100
Berlin. In der Polit-Talkshow "Anne Will" wurden die Baustellen der Gesundheitspolitik beleuchtet: Die schwer finanzierbare Gesundheitsprämie und die „obszönen“ Preise der Pharmaindustrie. Die wichtigste Frage zu den Prämien allerdings blieb unbeantwortet: Wer soll das bezahlen?
Er hat sicherlich schon entspanntere Sonntagabende erlebt: Eingeklemmt in ein „rot-grünes Sandwich“ muss Gesundheits-Staatssekretär Daniel Bahr (FDP) heftige Kritik an der geplanten Gesundheitsprämie – jeder Versicherte zahlt den selben Krankenkassenbeitrag – auf sich einprasseln lassen. „Wenn alle Leute aus meiner Gehaltsklasse künftig nur noch 150 statt 300 Euro bezahlen, fehlen dem Gesundheitssystem 8 Milliarden Euro“, rechnet ihm Bärbel Höhn, Fraktionsvize der Bundes-Grünen, in der Polit-Talkshow Anne Will vor.
Der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, komplettiert die engagierte Abteilung Attacke. „Wenn alle eine Pauschale in Höhe von 150 Euro zahlen und der Spitzensteuersatz gleichzeitig nicht erhöht wird, führt das zu einer Mehrbelastung der Kleinverdiener“, moniert er.
"Nicht 150 Euro, sondern deutlich weniger"
Im Kreuzfeuer der Oppositionspolitiker hat der Freidemokrat Bahr sichtlich Mühe, die Vorteile der Gesundheitsprämie prachtvoll auszuleuchten: Mehr Transparenz, bessere Vergleichbarkeit der Kassen. „Es werden auch nicht 150 Euro sein, sondern viel weniger, da wir schrittweise in die Gesundheitsprämie einsteigen wollen.“
Zur Seite springt ihm da nur Ärztin Frauke Höllering, die das „Monster Gesundheitsfonds“ geißelt. „Wir verwalten momentan den Mangel. Mit einer erbärmlichen Flickschusterei halten wir das System am Laufen.“ Ungerechtigkeits-Vorwürfe gegen die Gesundheitsprämie kontert sie mit dem Verweis auf den Sozialausgleich: „Die breiten Schultern tragen dadurch mehr als die schwachen.“
Wer soll das bezahlen?
Doch wie soll dieser Zuschuss für Menschen mit einem weniger üppigen Einkommen finanziert werden? So lautet die Gretchenfrage des Abends, die jedoch unbeantwortet bleibt. „Millionen Bürger werden zu Bittstellern“, schimpft Höhn. „Das bedeutet mehr Bürokratie und mehr Lasten für den Staatshaushalt.“
Leicht entnervt aufgrund der ständigen Belehrungen („Frau Höhn, Sie verhalten sich wie eine Oberlehrerin“) gerät Bahr mit zunehmender Sendezeit vermehrt in die Defensive. „Es wird einen automatischen Sozialausgleich geben“, entgegnet er trotzig. Zudem verweist er wiederholt auf die Regierungskommission, die Feinheiten der Reform – wie die Finanzierung im Detail – noch austüffteln müsse.
"Wir haben ein bisschen verstanden"
Dies ist dann doch ein wenig zu schwammig argumentiert, so dass sich selbst Moderatorin Anne Will zu einem unfreiwillig komischen Kommentar hinreißen lässt: „Wir haben ein bisschen von dem verstanden, was Herr Bahr sagen will.“
Dieser kann einem angesichts der wortgewaltigen Front, die sich ihm gegenüber formiert hat, mitunter fast ein wenig leid tun. Zumal er sich dann auch noch mit der Kritik aus den eigenen Koalitionsreihen, namentlich der CSU, auseinandersetzen muss. „Ob das so klug ist, wenn man das, was man gemeinsam als Koalition beschlossen hat, später andauernd anzweifelt“, ätzt er in Richtung der bayerischen Partner.
Pharma-Lobbyistin unter Druck
Unbeeindruckt vom Gegenwind aus Deutschlands Süden verteidigt er weiter seinen Standpunkt: Die alternde Gesellschaft verursache immer mehr Gesundheitskosten. „Wenn wir da nicht die Lohnzusatzkosten erhöhen und damit den Arbeitsmarkt belasten wollen, müssen wir aus dem jetzigen System raus.“
In eine ähnliche Situation wie der Liberale gerät im zweiten Teil der Sendung Pharma-Lobbyistin Cornelia Yzer. Hat sie zunächst noch abstrakt über „optimierte Behandlungsabläufe“ und „Steigerung der Versorgungsqualität“ referieren dürfen, so kommt sie durch ein Einspiel-Filmchen unter Druck: Der Medikamentenpreis sei in Deutschland um 30 Prozent höher als in andern Ländern, so der Vorwurf. Fliegenträger Lauterbach ergänzt pointiert. „Wir in Deutschland sind die Melkkühe der Pharmaindustrie.“
„Der Hersteller geht mit einem europäischen Preis in den Wettbewerb, darauf setzen die nationalen Regelungen auf“, kann sich Yzer unter der ersten Vorwurfs-Welle noch hinwegducken. „Wir haben in Deutschland eines der sichersten Vertriebsysteme. Zudem kassiert der Staat auch kräftig mit.“
Argumentativ in die Enge getrieben
Doch der Auftritt des „Günther Wallraff der Medizinjournalisten“, Hans Weiss, treibt sie argumentativ weiter in die Enge. Weiss’ verdeckte Recherche habe Erstaunliches zutage befördert. „Im Durchschnitt beträgt der Anteil des Wirkstoffs am Verkaufspreis nur ein bis zwei Prozent.“
Als Beispiel nennt er ein Krebsmedikament, dass für 670 Euro verkauft wird, obwohl der Wirkstoff lediglich einen Euro kostet. Als dann auch noch Anne Will nachbohrt („Warum arbeiten in der Pharmaindustrie mehr Menschen im Marketing und Vertrieb als in der Forschung und Entwicklung?“) gerät Yzers Verteidigung ein wenig ins Schwimmen: Der langjährige Forschungsaufwand für ein Medikament müsse angemessen honoriert werden. Ferner gebe es in keiner anderen Branche mehr forschende Angestellte.
Auch die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller dürfte schon entspanntere Sonntagabende verlebt haben.
19:07
Kopfpauschale? Wer denkt sich so einen Mist aus? Es muss einkommensäbhängig bleiben. Warum werden sonst Steuern nach Einkommen bezahlt? Oder gibts demnächst da auch eine Kopfpauschale für die Steuern? Jeder 50,- Euro im Monat. Ich kann nur noch den Kopf über die vielen unfähigen und gekauften Politiker schütteln. Armes Deutschland, wohin bist du gesunken?
08:55
@Kommentar (40)
Seltsame Logik. Der Mauer soll für das Krankheitsrisiko, das man ihm AUFZWINGT, auch noch selber zahlen!
Eigentlich müsste ein Manager, der vornehmlich in klimatisierten Räumen arbeitet und deshalb ein geringes Krankheitsrisiko hat, weniger verdienen als ein Maurer, der bei Wind und Wetter arbeiten muss.
21:43
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21:10
Die Kopfpauschale ist ungerecht. Eigentlich müsste ein Manager, der vornehmlich in klimatisierten Räumen arbeitet und deshalb ein geringes Krankheitsisiko hat, weniger bezahlen als ein Maurer, der bei Wind und Wetter arbeiten muss.
17:39
Man sollte es immer wieder betonen:
Die Kopfpauschale dient nicht dem Gesundheitssystem, sondern der Entlastung der Arbeitgeber. Durch die Kopfpauschale ändert sich an den Problemen im Gesundheitswesen gar nichts. Darauf muss man immer wieder hinweisen.
16:04
Frau Doktors Argument von der Rechnung, die der Patient sieht, hat einen langen Bart.
Es ist heute schon möglich, dass sich Patienten eine Rechnung schreiben lassen können, nur - es macht kaum jemand.
Und was denkt Frau Doktor eigentlich? Dass alle ihre Kollegen bescheißen?
Es ist nicht das erste Mal, dass ich bei Ärzten eine gewisse Naivität feststellen muss.
15:24
Zu 11:
Die gute Frau Doktor war sehr naiv mit ihrem Traum, ihre Leistungen eines Tages mit dem Patienten abrechnen zu können. Der Patient muss die Rechnung erst seiner Krankenkasse zur Erstattung vorlegen, bevor er überhaupt bezahlen kann. Herr Staatssekretär Bahr, behüten sie uns vor dieser Bürokratie! Übrigens, eine Rechnung nur zum Begucken interessiert niemanden.
14:40
Bei dieser Frau Höllering musste ich wieder einmal feststellen, dass Mediziner nicht per se intelligent sind. Aber vielleicht hat sich die Frau auch nur verstellt. Obwohl: ihre Dummheit hat sie ganz selbstbewusst herübergebracht.
14:29
Nichts wäre m. E. gerechter als eine Bürgerversicherung, in welche ALLE einzahlen !!!
Sollte die Möven#ick-Partei allerdings gedenken, die fehlenden Milliarden bei einer Kopfpauschale, von ihren Spendern und Sponsoren einzusammeln, könnte ich mich
auch an ein solches System gewöhnen ...
Interssant war auch die Ärztin in der Runde, die doch tatsächlich das Rechnen, diesen Politikern überlassen wollte, aber bereits bei der kleinen Kopfpauschale (8,-- € Zuzahlung), Probleme reklamierte ...
Für mich kein neues Phänomen bei diesen Wählern --- sobald es ins Eingemachte geht,
wird gepasst und delegiert (z. B. in den Ausschuss) ...
Wenn man nicht mehr weiter weiß, bildet man nen Beraterkreis ...
Für ein Hirnabstandsgebot ...
14:22
@Froepper
Genau diese Fragen stellte auch die Dipplom-Mathematikerin Höhn.
Bahr gab darauf keine Antwort.Wahrscheinlich hatte Bahr in Mahte eine Sechs. :-)
Der FDP geht es in erster Linie um ein System, das man im Zweifelsfalle unter Finanzierungsvorbehalt stellen kann.