Archiv-Mitarbeiter: "Vorhersehbare Katastrophe"
03.03.2009 | 15:22 Uhr 2009-03-03T15:22:00+0100
Köln. Nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln hat ein langjähriger Mitarbeiter unterstellt, der Einsturz sei absehbar gewesen. Erste Ursachenforschungen gehen davon aus, dass das Haus wegen Arbeiten an der U-Bahn zusammenbrach. Die Retter suchen weiter nach möglichen Verschütteten.
Der langjährige Abteilungsleiter des Archivs, Eberhard Illner, hat nach dem Einsturz des Historischen Archivs in Köln schwere Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. Der Einsturz sei eine vorhersehbare Katastrophe gewesen, sagte er im Deutschlandradio Kultur.
Zuletzt habe es in der vergangenen Woche Hinweise auf erhebliche Senkungsrisse gegeben, deren Eingang ihm die Stadt Köln offiziell bestätigt habe. Das Volumen des Schadens sei erheblich größer als beim Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. «Wir reden hier von ungefähr 18 Regalkilometern wertvollsten Archivguts, und zwar europäischen Ranges», betonte Illner.
Bauarbeiten mögliche Ursache
Nach ersten Erkenntnissen steht der Einsturz des Historischen Archivs an der Severinstraße offenbar im Zusammenhang mit dem Bau der U-Bahn in der Kölner Südstadt. Im Zuge der Bauarbeiten sei nahe der Unglücksstelle ein großer Kellerraum errichtet worden, teilten Feuerwehr und Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) am Dienstagabend mit.
In diesem unterirdischem Raum habe offenbar «irgendetwas nachgegeben», sagte Kölns Feuerwehrchef Stefan Neuhoff. Dadurch sei das Erdreich unter dem Stadtarchiv gleichsam weggesackt. Die Arbeiten am eigentlichen U-Bahn-Schacht sind einem Stadtsprecher zufolge jedoch schon seit geraumer Zeit fertig.
Stadt: Risse bereits 2007 entdeckt aber angeblich harmlos
In Köln waren am Dienstag kurz vor 14 Uhr das Gebäude des Historischen Stadtarchivs und zwei Nachbarhäsuer komplett eingestürzt. Bislang zählten die Rettungskräfte mehrere Leichtverletzte. Mehrere Personen erlitten laut Feuerwehr einen Schock.
Nach Darstellung der Stadt seien bereits 2007 Risse in dem Gebäude entdeckt worden, die wegen des U-Bahn-Baus entstanden waren. Mehrere Gutachter hätten darin jedoch keine Gefahr für das Haus gesehen. Auch am Dienstag sagte Sachverständiger auf der Pressekonferenz, "dass nach derzeitigem Kenntnisstand die damals begutachteten Schäden nicht ursächlich für das heutige Unglück gewesen sein können", teilte die Stadt weiter mit.
Nur noch drei Vermisste
Am Abend schließlich wurden noch drei Menschen vermisst, wie Polizeisprecherin Cathrin Maus der Nachrichtenagentur AP sagte. Die anderen sechs zuvor unter den Trümmern vermuteten Personen hätten sich inzwischen gemeldet.
Am Abend noch wurde ein nahegelegenes Altersheim geräumt. Der Schulunterricht in den benachbarten Schulen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und benachbarten Kaiserin-Augusta-Gymnasium fällt am Mittwoch aus.
Die Unglücksstelle wird derzeit mit 1000 Kubikmeter Beton stabilisiert. Die Arbeiten dauern die ganze Nacht über sowie auch am Mittwoch, sagte Feuerwehrdirektor Neuhoff. Erst nach der statischen Stabilisierung der Unglücksstelle könnten die Bergungsarbeiten fortgesetzt werden.
Die Rettungskräfte gingen davon aus, dass sich sowohl die meisten Bewohner der beiden angrenzenden Wohnhäuser als auch die Mitarbeiter des Archivs in Sicherheit hätten bringen können, sagte ein Stadtsprecher. Dasselbe gelte für Arbeiter, die unmittelbar vor dem Einsturzort an der Kölner Severinsstraße an einer U-Bahn-Baustelle Auskleidearbeiten ausgeführt hätten.
Das Gebäude des Stadtarchivs stürzte nach Angaben Neuhoffs auf die U-Bahn-Baustelle. Die Decke der U-Bahn-Baustelle brach ein. Doch gebe es keine Hinweise auf Verletzte oder Verschüttete unter den Bauarbeitern, sagte der Feuerwehrdirektor.
Stabilisierung mit Beton geplant
Auch zwei auf dem Archivgebäude mit Dacharbeiten beschäftigte Handwerker hätten das Haus vor dem Einsturz rechtzeitig verlassen. Archivmitarbeiter hätten kurz zuvor Geräusche gehört und daraufhin die Anwesenden warnen können. Die Suche nach Vermissten könne sich noch über Tage hinziehen, sagte ein Feuerwehr-Sprecher.
Für Polizei und Feuerwehr wurde gegen 14 Uhr Großalarm ausgelöst. Nach Angaben eines Feuerwehrsprechers war jeder verfügbare Rettungswagen im Einsatz. Auch die Polizei war mit mehreren hundert Kräften im Einsatz. Am frühen Abend sprach die Stadt Köln von 86 Fahrzeugen mit rund 250 Mitarbeitern von Feuerwehr, Polizei und Hilfsdiensten.
Augenzeugen sprechen von tiefen Rissen im Boden
Das Gebäude sei auf einer Fläche von 50 mal 70 Metern komplett eingestürzt, sagte ein Polizeisprecher. Um die Einsturzstelle herum bildeten sich laut Augenzeugen tiefe Risse im Boden. "Es ist nicht auszuschließen, dass noch weitere Gebäude einsturzgefährdet sind", erklärte Christoph Gilles, Sprecher der Polizei Köln.
„Der erste Bagger ist tätig, räumt wohl Schutt ganz am Rande der Einsturzstelle weg, damit man eine der großen Bodenplatten wegräumen kann“, schrieb der Twitter-User SamZidat kurz nach der Katastrophe auf seiner Seite, wo er auch Bilder von der Einsatzstelle zeigt. Nach eigenen Angaben wohnt er in der Nähe des Unglücksortes, könne das Geschehen von seinem Balkon aus beobachten. Als die ersten Rettungswagen eintrafen, habe er zunächst gedacht, es habe einen Chemieunfall in der nahe gelegenen Schule gegeben. Auch dass sich der Rauch mittlerweile verzogen hätte und Suchhunde eingetroffen seien, berichtete er auf Twitter.com.
"Eine riesige Rauchwolke hat sofort alles eingehüllt"
"Es hat einen lauten Knall gegeben, und dann ist das Haus zusammengestürzt", sagte Augenzeuge Can Bagli. Der zwölfjährige Schüler hatte auf dem Sporthof des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums gegenüber des Stadtarchivs gemeinsam mit seinen Freunden Fußball gespielt, als das Gebäude zusammenbrach. "Erst haben wir gedacht, dass das laute Geräusch von der U-Bahn-Baustelle kam. Aber dann haben wir gesehen, dass das ganze Haus zusammengebrochen ist. Eine riesige Rauchwolke hat dann sofort alles eingehüllt."
Seine Mitschüler und er seien sofort verschreckt auf einen anderen Schulhof gerannt. "Von da aus haben wir gesehen, dass überall Trümmer auf der Straße liegen", erzählt der Sechstklässler. "Die Lehrer sind dann sofort zu uns auf den Schulhof gekommen, haben alle Schüler versammelt und gesagt, dass wir direkt nach Hause fahren sollen", sagt Can Bagli. Sofort seien auch Polizei und Feuerwehr vor Ort gewesen und hätten den gesamten Bereich abgesperrt.
"Hinter mir klappte das Gebäude zusammen"
Welt Online zitiert einen Mann, der sich in letzter Minute aus dem Haus retten konnte. Paul S. war in dem Archiv gewesen, um für seine Doktorarbeit Akten aus dem Mittelalter zu bearbeiten. Er sei sehr vertieft gewesen in die Unterlagen, als das Haus angefangen habe zu zittern, erzählte Paul S. unter Schock. „Ich dachte erst, jemand hätte mit dem Knie gegen meinen Tisch gestoßen. Plötzlich fing alles an zu zittern und zu beben, wie bei einem Erdbeben. Mich hat jemand am Arm gepackt und gesagt: ‚raus, raus!’“.
Er sei sofort losgestürzt, ohne noch an seine Sachen zu denken, sagte S. dem Nachrichtenportal weiter. „Ich bin ganz knapp raus gekommen. Hinter mir klappte das Gebäude zusammen. Es waren mit Sicherheit noch Leute drin.“ Als einer der jüngeren Archivbenutzer sei er sicherlich schneller gewesen als ältere Anwesende.
Instabile Kirche durch U-Bahn-Bauarbeiten
Weniger als einen halben Kilometer vom Archiv entfernt ist schon einmal ein Gebäude in Schieflage geraten. Der Turm der Kirche Johann Baptist in der benachbarten Spielmannsgasse war im Jahr 2004 in Schieflage geraten, durch Stahlträger abgestützt und 2005 wieder gerade gerichtet worden. Der Turm geriet in Schieflage, nachdem am Tag zuvor Bauarbeiten an der Nord-Süd-Verbindung der U-Bahn direkt unter der Kirche durchgeführt worden waren. Wegen Einsturzgefahr mussten damals etwa 70 Anwohner ihre Wohnungen vorübergehend verlassen. In der Baugrube sind Fachkräfte im Einsatz, um zu klären, welche Siche-rungsmaßnahmen notwendig sind, teilte die Stadt Köln in einer Pressemitteilung vom frühen Dienstagabend mit. Wer Angehörige vermisst, solle sich unter der Notrufnummer 112 in Köln melden.
Das Historische Archiv der Stadt Köln gilt als eines der größten Stadtarchive Deutschlands. Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner und rheinischer Geschichte, unter anderem 65.000 Urkunden, 104.000 Karten und eine halbe Million Fotos. Auch zahlreiche Nachlässe, darunter der des Schriftstellers Heinrich Böll, befinden sich in dem Archiv. Die früheste Urkunde stammt aus dem Jahr 922. Insgesamt lagern dort Akten in Regalen auf einer Länge von 26 Kilometern.
Das Gebäude in der Severinstraße wurde 1971 für das Archiv gebaut. Der neue nordrhein-westfälische Bauminister Lutz Lienenkämper kündigte bei einem Besuch an der Unglücksstelle an, das Land werde Hilfe bereitstellen, um die Dokumente zu retten. (kwe/kas/herz/ddp/ap/afp)
15:16
Pyramiden halten länger,egal wie.
Der U-Bahn-Bau ist weniger Schuld, denn wenn dieses sinnlose Gebuddel schon sowas auslöst, will ich nicht wissen was anderen Buddeleien auslösen könnten.
Das ist Pfusch auf allen Ebenen, im Jahre 1970 wie auch heute.
Ich hoffe nur, dass es mal nicht den Dom erwischt, oh mann, was ein Fest für Vollidioten die ich nicht nennen mag.
22:59
mein Mitgefühl den Opfern und Betroffenen.
Trotzdm ist es auch schade um die 1000 Jahre deutscher Geschichte die unter den Trümmern liegen
22:37
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22:08
Hoffentlich nutzt hier nicht ein enttäuschter Ex-Mitarbeiter die Katastrophe zum üblen Nachtreten.
20:51
hm, ob dann bei uns in Düsseldorf demnächst auch einiges einstürzt? Wir haben ja ebenfalls einen gr. U-Bahn-Umbau...
Ein schlimmes und trauriges Unglück.
20:16
Noch 9 Vermißte nicht gefunden und 18 Regalkilometer zu einem großen Teil unersetzliches Kulturgut vernichtet.
Unfaßbar und offenbar durch ein Versagen der städtischen Behörden begünstigt !
19:40
Es wird aber auch nach der politischen Verantwortung für das Unglück zu fragen sein. Wenn der berüchtigte Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma sich mit Steuermilliarden ein Denkmal mit einem solchen Prestigeobjekt setzen will, kann man sich vorstellen, dass kritische Stimmen - auch mit technischen Argumenten - unerwünscht sind. In einer Stadt, wo bis in die höchsten politischen Ämter immer wieder Fälle von Korruption und Amtsmissbrauch, getürkte Beraterverträge und gefälschte akademische Titel zum politischen Alltag gehören, kann man sich leicht vorstellen, wie viele zwielichtige Gestalten bei einem derartigen Investitionsvolumen angelockt werden. Da mag mancher Auftrag nicht nach streng fachlichen Kriterien vergeben werden und mancher Gutachter ein Risiko schön rechnen, um weiter am großen Kuchen zu partizipieren. Ob eine solche lückenlose Aufklärung des riskanten Bauprojektes im Köln des Vorwahlkampfes möglich ist, bleibt dahin gestellt.
17:30
In WDR extra sprach man gerade davon, das es Unterspülungen duch zerbrochene Wasserleitungen sein könnten. Offenbar sind nun mehre Häuser einsturzgefährdet. Die Alarmbereitschaft der Krankenhäuser ist, lt. WDR, wieder aufgehoben worden.
Hoffentlich hat es keine Opfer gegeben.
16:10
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16:04
Das ist 1-200 Meter von der Kirche weg, deren Turm vor ein paar Jahren plötzlich schief stand. Da scheint der Boden ein Probem zu sein.
Ziemlich wahrscheinlich, daß es Tote gab -- es waren Leute im Stadtarchiv, ob die alle raus sind, weiß man nicht. Außerdem durchaus vielbefahrene Straße davon, ein Bus steht vielleicht 20 Meter vor der Einsturzstelle; eine Minute später, und der wäre Blechschrott gewesen.