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Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten

08.12.2010 | 18:43 Uhr
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten

Essen.Schon lange verdienen sich niedergelassene Ärzte mit Leistungen, die die gesetzliche Krankenkasse nicht übernimmt, ein Zubrot. Im vergangenen Jahr war der Zuverdienst mit insgesamt 1,5 Milliarden Euro allerdings besonders üppig.

Die Kassenärzte verdienen immer mehr Geld mit Leistungen, die ihre Patienten selbst zahlen müssen. Laut ei­ner Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) kassieren die Ärzte 1,5 Milliarden Euro mit diesen individuellen Gesundheitsleistungen (Igel). Damit haben sie ih­ren Umsatz seit der letzten Studie 2008 um die Hälfte gesteigert.

Die AOK-Experten kritisieren, viele Ärzte würden „zu­nehmend kaufmännisch auftreten“, wie Studienleiter Klaus Zok der WAZ sagte. Das sieht er be­legt durch das offenbar gezielte Ansprechen von Gutverdienern. So ergab die Studie, dass Patienten mit Nettoeinkünften über 3000 Euro mehr als doppelt so häufig freiwillige Leistungen angeboten werden als Geringverdienern.

Unnötige Behandlungen

Viele der Früherkennungstests, die von der Kasse nicht bezahlt werden, sind auch un­ter Ärzten umstritten. Die meiste Kritik trifft ausgerechnet die größten Umsatzbringer: Das Ultraschall zur Früherkennung von Eierstock- und Ge­bärmutterhalskrebs für 30 bis 50 Euro, die Augendruckmessung zur Erkennung von Grünem Star (20 bis 50 Euro) und den Prostatakrebs-Bluttest (20 bis 30 Euro). Sie könnten im Einzelfall sinnvoll sein, so Zok, seien aber oft fehlerhaft. So stellten sich viele positive Befunde als Fehlalarm heraus, der zu unnötigen Be­handlungen führe.

Die Ärztekammer Nordrhein betont, Igel-Leistungen könnten „medizinisch sinnvoll sein“, sie verweist aber auch darauf, dass sie „auf besonderen Wunsch des Patienten erfolgen“ müsse. Laut Studie werden aber drei von vier Leistungen vom Arzt aktiv angeboten.

Weiterbildungen zwecks „systematischer Umsatzsteigerung“

Die AOK kritisiert zudem, dass Ärzte diese Leistungen häufig auch Risikopatienten berechnen, obwohl die Kassen für diese Gruppe be­zahlen. Das Problem: Die Kassen verweisen dann darauf, dass die Untersuchung mit der vierteljährlichen Pauschale bereits abgegolten sei. Die Ärzte verdienen also faktisch nichts.

Tatsächlich werden Ärzten zahlreiche Weiterbildungen angeboten, zwecks „systematischer Umsatzsteigerung“, wie ein An­bieter wirbt. Ärzte sollten „die Praxis als Unternehmen und Patienten als Kunden erkennen“. Ein Mitbewerber gibt „Tipps und Tricks rund um den Verkauf von Igel-Leistungen“.

Der Doktor als Verkäufer

Seit Jahren klagen die niedergelassenen Ärzte über zu niedrige Honorare. Und spätestens seitdem sie für einen Patienten eine vierteljährliche Pauschale erhalten, werden Leistungen immer wichtiger, die auch von gesetzlich Versicherten auf eigene Rechnung gleich am Tresen bezahlt werden.

Die Augendruck-Messung, das Ultraschall oder der große Gesundheitscheck gelten als „Individuelle Gesundheitsleistungen“, kurz „Igel“. Ihnen ist gemein, dass sie dem Einzelnen helfen können, nach Überzeugung der Kassen aber nicht zur flächendeckenden Vorsorge taugen – auch, weil sie gesunde Menschen verunsichern können. Umso wichtiger ist deshalb für die Patienten, dass sie wissen, was der Arzt ihnen da vorschlägt.

Deshalb die wichtigsten Igel-Leistungen im Überblick:

Beim Augenarzt

AAugendruckmessungen zahlt manchmal auch die Kasse.

Jeder Augenarzt verkauft pro Jahr im Durchschnitt 578 privat zu zahlende Leistungen, in der Regel ist dies eine Augendruckmessung zur Früherkennung von Grünem Star. Sie nehmen dafür 20 bis 50 Euro. Gemessen wird der Augeninnendruck, ein erhöhter Wert kann ein Hinweis auf Grünen Star sein, ist es oft aber nicht.

In Kombination mit einer Spiegelung des Augenhintergrunds können zwei von drei Erkrankungen erkannt werden, wird nur der Innendruck gemessen, jede zweite. Das be­deutet umgekehrt: Trotz Messung wird jede zweite Erkrankung übersehen. Negativ sind auch viele falsche Befunde, de­nen unnötige Folgeuntersuchungen folgen.

Wichtig: Wenn ein konkreter Verdacht besteht, zahlt die Kasse diese Untersuchung auch, dann muss der Patient sie nicht be­zahlen.

Beim Frauenarzt

Die von allen häufigste Igel-Leistung ist der sogenannte „Sono-Check“, ein Ultraschall zur Früherkennung von Ge­bärmutter- und Eierstockkrebs für 30 bis 50 Euro. Laut AOK sind die Ergebnisse oft unzuverlässig. Häufig werde Krebsverdacht ermittelt, der sich in den meisten Fällen als falsch erweise. Unnötige Eierstock-Entfernungen und eine hohe Verunsicherung der Frau­en seien die Folge.

Auch der Toxoplasmosetest in der Schwangerschaft (30 Euro) ist umstritten, weil er zwar die Antikörper bestimmt, aber nicht, wann die Infektion stattgefunden hat. Für das un­geborene Kind ist aber nur ei­ne frische Infektion gefährlich.

Unbestritten sinnvoll ist der Test auf Schwangerschafts-Diabetes ab der 24. Woche für 30 Euro. Die Kassen zahlen das nur für Risikogruppen, et­wa Übergewichtige.

Beim Urologen

Für 20 bis 30 Euro bieten Urologen und Hausärzte einen Test zur Früherkennung von Prostatakrebs an (PSA). Im Blut werden Antikörper nachgewiesen, die auf ei­nen Tumor hinweisen können. Die Kassen bewerten das negativ, weil es zu sehr vielen Fehldiagnosen kommt. Bei zwei von drei positiven Diagnosen bestätigt sich anschließend der Krebsverdacht nicht. Auch müssen viele der tatsächlichen Tumore nicht behandelt werden. Doch diese Abwägung, ob die Allgemeinheit einen unzuverlässigen Test zahlen soll, sagt natürlich nichts darüber aus, ob er für den Einzelnen nicht doch sinnvoll ist und im Extremfall ein Leben retten kann.

Beim Internisten

Bei der Früherkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs wenig aufschlussreich: ein Ultraschall.

Kritisch bewertet wird von den Medizin-Experten des Wido auch das Bauch-Ultraschall (20 Euro) zur Erkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Zwei von drei Tumoren würden dabei übersehen.

Beim Hals-Nasen-Ohrenarzt

Die Früherkennung von Lungenkrebs beim Hals-Nasen-Ohrenarzt gilt ebenfalls als stark fehleranfällig. Bis zu 50 Prozent der Erkrankungen werde dabei übersehen, diese Menschen würden sich an­schließend in trügerischer Si­cherheit wägen. Die Methode werde international selbst für Raucher abgelehnt.

Was sinnvoll ist

Als sinnvoll eingestuft wird auch von den kritischen Wido-Experten zum Beispiel der Sport-Check, der das Herz da­rauf untersucht, ob es für be­stimmte Sportarten oder nach einer längeren Trainingspause ge­sund genug ist. Auch die Impfberatung samt Impfung vor Fernreisen gilt als wichtig, die Kosten muss aber der Reisende tragen.

Tipps für Patienten

1. Gesetzlich vorgeschrieben ist den Ärzten, dass sie ihre Patienten vor einer selbst zu zahlenden Behandlung oder Untersuchung ausführlich über deren Nutzen und Risiken aufklären. Der Patient muss schriftlich er­klären, dass er diese Leistung ausdrücklich und auf eigene Kosten verlangt. Anschließend muss der Patient eine Rechnung über die Leistung erhalten.

2. Skepsis ist angebracht, wenn der Arzt auf Fragen nach der Zuverlässigkeit einer Früherkennungs-Methode un­genau oder ausweichend antwortet. Wichtig bei der Zuverlässigkeit ist nicht nur, ob eine Krankheit mit einem Test wirklich erkannt wird, sondern vor allem auch, wie oft fälschlicherweise eine Krankheit erkannt wird, die dann womöglich unnötig behandelt wird.

3. Größte Skepsis ist angebracht, wenn der Arzt Druck ausübt, eine Untersuchung machen zu lassen und dem Patienten keine Zeit zum Überlegen lässt. Unzulässig ist außerdem, sich die Leistung in Vorkasse zahlen zu lassen. Gar nicht zahlen muss jemand, der bereits Vorerkrankungen oder Symptome aufweist. So ist das Hautscreening bei Risikopatienten von der Kasse abgedeckt.

Stefan Schulte

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Kommentare
11.12.2010
23:16
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von FU.DO | #25

@W.Tell: vielen Dank für Ihre qualifizierte Stellungnahme.
In meinem Komentar gings nun wirklich nicht um verhungernde Ärzte oder jammernde Therapeuten. Ich möchte nur gerne den Blick schärfen für Un- und Sinniges.
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass gerade gut informierte Patienten/-innen dazu führen, dass die Krankenkassen Leistungen doch letztendlich übernehmen - und dann ist doch allen geholfen!
Konkrete Beispiele dafür gibts genügend. Nur mal für die Gynäkologie: regelmäßige Mammografie, HPV- und andere Impfung, Chlamydienscreening, Varizellen-Titerbestimmung, Aromataseinhibitoren, alternative Medizin, TCM, und viele andere mehr..... alles Untersuchungen oder Therapien, die ursprünglich von den Krankenkassen aufs schärfste abgelehnt wurden. Jetzt sind sie für alle selbstverständlich, dem Patientendruck sei Dank.
Also, bitte keine billige Polemik - vor allem nicht auf dem Rücken der Harz 4 - Empfänger, das geht am Thema wirklich vorbei.

10.12.2010
08:43
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von W.Tell | #24

@ # 23 FU.DO

Dümmster Kommentar hier soweit, aber gibt sicherlich einige die das Geschreibsel auch noch glauben leider.

Wären die Untersuchungen nötig, sinnvoll und von nachweisbarem Nutzen, dann würden sie von der Kasse übernommen werden. Leute lasst euch nicht von den Abzockerärzten über den Tisch ziehen!!! Keine Angst, kein Arzt verhungert in Deutschland, er kann jederzeit mit Hartz 4 aufstocken!

09.12.2010
22:34
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von FU.DO | #23

Als niedergelassener Frauenarzt habe ich den Artikel sehr interessiert gelesen und: ich finde ihn sehr gut! Eine klare Aufforderung an die Patientinnen, sich gut zu informieren. Natürlich gibt es Untersuchungen, die nötig sind aber nicht von der Kasse übernommen werden - genauso wie es leider auch fragwürdige Tests oder unqualifizierte Untersucher gibt! Mein Tip - 3 Fragen, die ungemein für Tranzparenz bei den sog. IGeL Leistungen sorgen: 1.) Zeit sollte sich der Arzt nehmen zur persönlichen (!) Aufklärung - ein Flyer allein reicht nicht. 2.) Zweitmeinungen sollten immer zugelassen sein. Fragen Sie andere Ärzte oder Fachleute was sie vom Angebot halten. Keine Entscheidungen unter Zeitdruck, und: ein gutes Angebot ist auch morgen noch ein gutes Angebot! 3.) Zulasung: das bedeutet der Arzt hat ein Examen für diese spezielle Untersuchung abgelegt, die Geräte entsprechen einem vorgegebenen Standart und werden auch daraufhin kontrolliert. Eine Zulassung kann übrigens auch wieder entzogen werden! Also: einfach mal den Arzt danach fragen und seine Reaktion beobachten. Wer sich immer noch nicht sicher ist fragt mal bei der entsprechenden Kassenärztl. Vereinigung, z.B. in Dortmund nach. Die informieren gerne und verbindlich über Zulassungen. Es gibt übrigens auch eine Menge Untersuchungen, für die keine Zulassung vergeben werden - warum wohl ?! Wer meine Fragen an den Arzt beherzigt und sich dann doch bewusst für eine Untersuchung entscheidet, der hat eine gute Wahl getroffen!

09.12.2010
19:31
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von W. Tell | #22

Abzocker Doktoren. der Medizin, es sind keine Ärzte!

Ich weiss, in was für protzigen Immobilien die Ärzte wohnen, 4 mal gehen sie im Jahr in Urlaub, fahren Porsche!

Und wenn die Ärzte zu wenig verdienen, können sie ja mit Hartz 4 aufstocken, in Deuschland verhungert niemand!

VORSICHT ARZT!!!!!!!!!!!!!

09.12.2010
09:38
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von Alternativ | #21

Ich hatte mich schon oft gewundert, was zum Teufel ein Azubi beim Zahnarzt so alles lernt???
Z B VERKAUFSTRAINING??? Kommunikation mit Patienten, Verkauf durch Empfehlung von Produkten und Praxisleistungen??? erinnert eher an eine Maklerschulung oder....technischer Servicehelfer was bedeutet, die frühere Arzthelferin bringt die technischen Anlagen der Praxis wieder in Ordung??? Der Monteur wird ja auch immer teuerer; und Herstellen von Kronen und Brücken, man, was hat früher mal so ein Zahntechniker verdient, macht nun alles die ZMF
(Zahnmedizinische Fachangestellte)

09.12.2010
09:29
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von Imaz | #20

Vorweg: Niemand wird gezwungen, private Zu-
satzleistungen in Anspruch zu nehmen.
Allerdings frage ich, wozu gibt es eigentlich Vor-
sorge Untersuchungen, für die kräftig die Werbe-
trommel geschlagen wird?
Wenn der Test, zum Beispiel einen erhöhten PSA
Wert anzeigt, nicht nachhaken, bei zwei von drei
patienten ist es harmlos. Und der Dritte, der auch
gedacht hat er hätte nichts? Hat schon mal einer
der Menschen, die meinen es wäre alles nur
Panikmache, einen Mann gesehen, der vom Krebs
aufgefressen wird, nur weil er dachte, ihn könnte
es nicht treffen und nichts unternommen hat?

09.12.2010
07:45
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von HA | #19

Ein Blick auf die Seite http://www.igelarzt.de/igelarzt.html sagt alles !

09.12.2010
07:08
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von bookeaterin | #18

War vielleicht so gewollt. Enige Ärzte musste ja, um zu überleben, sogar Rezeptschwindel betreiben. Da ist aber auch eine arme Berufsgruppe.

09.12.2010
06:01
Blockierter Kommentar.
von Maria Fatima Böhmer-Roth | #17

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

09.12.2010
01:09
Ärzte machen gute Geschäfte mit Kassenpatienten
von Krämerseele in weiß | #16

und dabei ist das Schmiergeld der Pharmakonzerne, wie Kreuzfahrten und großzügigen Geldzuwendungen (am Fiskus vorbei)etc. ist da noch nicht einmal mitgerechnet

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