Schweinegrippe : Zweifel an Gefährlichkeit des Grippevirus

Hamburg. Nachdem die Todesfallzahlen in Mexiko nach unten korrigiert wurden, zweifeln Gesundheitsexperten nun an der Gefährlichkeit der Schweinegrippe. In Deutschland sind bislang drei Erkrankungsfälle bestätigt. Am Flughafen Düsseldorf geht bei jedem Flug aus Mexiko oder den USA ein Arzt an Bord.
Erste Zweifel an der Gefährlichkeit der Schweinegrippe: Angesichts nach unten korrigierter Todesfallzahlen aus Mexiko stellen Experten das Ausmaß der Bedrohung durch das Virus in Frage. «Die Diagnose des A/H1N1-Virus ist schwierig und unter den mexikanischen Gesundheitsbedingungen nicht möglich», sagte der Mikrobiologe Alexander Kekulé am Mittwoch «Spiegel Online» zufolge.
Die nicht auf die Schweinegrippe zurückzuführenden Todesfälle bezeichnete der Professor der Universität Halle als «die ganz normalen Todesraten in einem Schwellenland». Nicht jeder, der an einer Lungenerkrankung sterbe, sei ein Epidemieopfer.
Angesichts der Ausbreitung der Schweinegrippe kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) die nach ihrer Ansicht nicht ausreichenden Vorräte an antiviralen Medikamenten. Foto: ap
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Bestätigt sind in Mexiko bislang 26 Schweinegrippe-Infektionen, darunter sieben Todesfälle. Zuvor hatten die Behörden höhere Zahlen genannt. Außerhalb Mexikos gab es bisher einen Todesfall: Ein 23 Monate altes Kleinkind aus Texas starb an den Folgen der Schweinegrippe.
Sigrun Smola, Direktorin des Instituts für Virologie in Homburg, sagte dem Nachrichtenportal zufolge, im Vergleich zum Vogelgrippe-Virus, «das eine hohe Virulenz, aber eine geringe Übertragungsrate von Mensch zu Mensch besaß, scheint es bei diesem neuen Virus eher umgekehrt zu sein».
Verhältnismäßigkeit angemahnt
Mikrobiologe Kekulé, der auch Mitglied in der Schutzkommission des Bundesinnenministeriums ist und die Behörde bei Katastrophenfällen berät, mahnt zur Verhältnismäßigkeit. Von 2.500 Verdachtsfällen sei bislang die Rede. Die Dunkelziffer noch nicht erkannter Infektionen werde üblicherweise auf rund das Zehnfache geschätzt. Gehe man also von etwa 25.000 Ansteckungen und sieben Todesfällen aus, komme ein Toter auf 3.000 Infizierte. Das sei weniger als bei einer normalen Influenza. «Das neue Virus wäre damit also nicht sehr aggressiv», erläuterte der Professor.
Von einem Fehlalarm wollte Kekulé dennoch nicht sprechen: «Die mexikanischen Behörden hatten wohl wenig Daten zur Verfügung.» Das Verhalten von Experten und Behörden hält er für richtig: «Man war einfach vorsichtig.»
Keinen Grund zur Panik sehen auch Fachleute des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin: «Die Schweinegrippe ist deswegen gefährlich, weil sie von Mensch zu Mensch übertragen wird, sie hat teilweise die gleichen 'Baustoffe' wie die sogenannte saisonale Grippe. Aber die bekannten Medikamente wirken, und ein Impfstoff kann innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate entwickelt werden», sagte Gründungsdirektor Stefan Kaufmann. «Bei der Vogelgrippe hingegen fehlt noch immer der Infektionsweg von Mensch zu Mensch, trotzdem ist sie für Infizierte weitaus gefährlicher», fügte er hinzu.
Angesichts der Ausbreitung der Schweinegrippe kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) die nach ihrer Ansicht nicht ausreichenden Vorräte an antiviralen Medikamenten. «Aufgrund der uns vorliegenden Daten haben 6 der 16 Bundesländer nur für 11 bis 14 Prozent ihrer Bevölkerung antivirale Medikamente eingelagert und erfüllen damit nicht einmal die Vorgabe des nationalen Pandemie-Plans, der eine Bevorratung von mindestens 20 Prozent vorsieht», erklärte DGI-Vorstandsmitglied Bernhard Ruf am Mittwoch. Er ist Chefarzt der Klinik für Infektiologie am Leipziger Klinikum St. Georg. ´
"Relativ einseitige Bevorratung"
Eine Umfrage hatte am Dienstag ergeben, dass zahlreiche Bundesländer die 20-Prozent-Quote erfüllen oder sogar übertreffen, aber mindestens sechs Länder bei weitem nicht an 20 Prozent herankommen.
Passagiere eines LTU-Fluges aus Cancun (Mexiko) verlassen am Mittwoch auf dem Franz-Josef-Strauss-Flughafen in München mit ihrem Gepäck die Sicherheitszone. Foto: ddp
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Ein zusätzliches Problem sieht die DGI in der «relativ einseitigen Bevorratung». In Deutschland und in vielen anderen europäischen Ländern sei überwiegend Tamiflu mit dem Wirkstoff Oseltamivir beschafft worden. Zur Verfügung stehe aber auch das Medikament Relenza. Ruf warnte, dass es zu Resistenzen des Grippevirus' gegen den Tamiflu-Wirkstoff kommen und das Medikament damit wirkungslos werden könnte. «Deshalb ist die Mischbevorratung wichtig.» Beide Mittel würden Labortests zufolge gegen den Schweinegrippe-Virus wirken.
Zwei offene Verdachtsfälle in Deutschland
Nach drei bestätigten Fällen von Schweinegrippe gibt es in Deutschland derzeit noch zwei offene Verdachtsfälle. Das sagte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) in Berlin. In vier weiteren Fällen habe sich der Verdacht nicht bestätigt. Bei diesen Betroffenen sei das A/H1N1-Virus nicht nachgewiesen worden. Dazu zählt auch das Paar aus dem Kreis Recklinghausen. Der 29-jährige Mann und die 26-jährige Frau konnten deshalb aus der Quarantäne entlassen werden. Das am Montag aus Cancún in Mexiko heimgekehrte Paar hatte über Grippesymptome geklagt. Ein Schnelltest hatte jedoch schon am Dienstag ergeben, dass keine Schweinegrippe vorlag.
Gesundheitsministerin Schmidt betonte zugleich, es gebe noch keinen Grund zur Entwarnung. «Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, wie es sich weiterentwickelt», betonte die Ministerin. Das Gesundheitsministerium hat für Bürger eine Hotline unter der Nummer 01805-996619 geschaltet.
Schmidt zufolge waren unter den nicht bestätigten Verdachtsfällen auch zwei Fälle von USA-Reisenden. Diese seien mit Grippesymptomen aus New York zurückgekommen. Zum Glück habe sich der Schweinegrippen-Verdacht bei ihnen aber nicht erhärtet, so dass bisher alle bestätigten Fälle in Deutschland nach Mexiko zurückverfolgt werden könnten, der Ursprung des tödlichen Virus also «lokal begrenzt» sei.
Ebenfalls positiv wertete Schmidt, dass nach derzeitigem Kenntnisstand die vorhandenen antiviralen Mittel wie Tamiflu gegen die Krankheit helfen. Wenn diese innerhalb von 48 Stunden genommen würden, könne die Krankheit besiegt werden. «Man kann das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber es kann geholfen werden, wenn die Betroffenen zeitig genug zum Arzt gehen», sagte die Ministerin. Sie kündigte zugleich eine Verordnung an, nach der Ärzte Verdachtsfälle umgehend an die jeweiligen Gesundheitsämter melden müssen.
Es werde alles Mögliche getan, um eine Pandemie zu vermeiden, sagte Schmidt. Sie betonte zugleich, dass Deutschland auf eine mögliche Pandemie vorbereitet wäre. Für die in einem solchen Fall vorgesehene zweimalige Impfung der gesamten Bevölkerung würde genug Impfstoff bereitgestellt. Allerdings gebe es derzeit noch keinen Impfstoff gegen das neue A/H1N1-Virus, sagte der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Jörg Hacker. Die Entwicklung könne ungefähr drei Monate dauern. Ob die normale Grippeschutzimpfung auch gegen den neuen Erreger helfe, sei noch offen.
Das Robert Koch-Institut mahnt zu Beachtung von Hygienemaßnahmen, besonders bei Kontakt zu Rückkehrern aus betroffenen Regionen. Foto: ap
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Das RKI hatte am Vormittag bekanntgegeben, dass drei erste Fälle von Schweinegrippe in Deutschland bestätigt seien. Das Virus wurde demnach bei einer 22 Jahre alten Frau in Hamburg, einer 37-jährigen Frau aus dem bayerischen Kulmbach und bei einem Mann Ende 30 nachgewiesen, der in der Uniklinik Regensburg behandelt wird. Alle drei waren kürzlich in Mexiko.
Land schaltet Telefon-Hotline
Die Landesregierung will die Bürger umfassend über die Schweinegrippe informieren. «Wir nehmen die Sorgen der Bevölkerung sehr ernst. Daher haben wir eine Telefon-Hotline geschaltet», sagte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf. Die Hotline ist den Angaben zufolge werktags von 8 bis 18 Uhr unter 0180 3 100 210 (neun Cent pro Minute, abweichende Tarife aus dem Handynetz) erreichbar.
Laumann sieht NRW auf eine mögliche Pandemie gut vorbereitet. Die niedergelassenen Ärzte, die örtlichen Gesundheitsämter und die nordrhein-westfälischen Krankenhäuser seien durch das Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit (LIGA) für mögliche Verdachtsfälle auf Schweinegrippe sensibilisiert worden.
Zudem werde am Flughafen Düsseldorf bei jedem Flug aus Mexiko oder den USA ein Arzt in die Maschine gehen. Die Mediziner sollten sich über «mögliche Verdachtsfälle auf Schweinegrippe» informieren und «den Passagieren für Fragen und Beratung zur Verfügung stehen».
«Ein simpler, aber sehr effektiver Schutz vor Infektionskrankheiten stellt aber regelmäßiges Händewaschen dar», sagte Laumann weiter. Bislang sind in Deutschland drei Fälle von Schweinegrippe bestätigt. Dabei handelt es sich um zwei Patienten aus Bayern und eine junge Frau aus Hamburg. (ddp/ap/afp)
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