Michael Kessler: „Vom Publikum kommt so unendlich viel zurück“

Wenn Gestik und Mimik zu einem virtuosen Instrument werden – Michael Kessler sagt von sich selbst, er sei „kommunikativ“, und im Gespräch merkt sein Gegenüber schnell, dass das in der Tat auf den ganzen Kessler zutri
Wenn Gestik und Mimik zu einem virtuosen Instrument werden – Michael Kessler sagt von sich selbst, er sei „kommunikativ“, und im Gespräch merkt sein Gegenüber schnell, dass das in der Tat auf den ganzen Kessler zutri
Foto: IKZ

Iserlohn..  Damit die Fans und Schaulustigen die Dreharbeiten eines minuziös getakteten Kinofilm-Projektes nicht aus den Fugen bringen, erfährt die Öffentlichkeit von der Anwesenheit eines Film-Trupps natürlich erst ziemlich „knapp vor kurz“. So auch bei der Produktion „Die Vampirschwestern 3“ vor ein paar Wochen in der Dechenhöhle. Mit im Ensemble: Michael Kessler, der einen Teil seiner Prominenz auch dadurch erlangt hat, dass er Prominente besser spielen kann, als die es im richtigen Leben selbst könnten. Treffpunkt ist an einem späten Freitagnachmittag im kleinen Steinbruch unterhalb der Höhle in einer Art „Basislager“. Kessler wird nach langer Stau-Reise vom Produktionsfahrer mit Verspätung angeliefert, hat aber noch eine Stunde bis zur Maske und ersten Klappe. Er bewaffnet sich mit einem Stück Apfelkuchen, ein kurzes „Hallo, ich bin Michael Kessler, sind wir beide verabredet?“. Und bitte!

Herr Kessler, als Sie heute gehört haben, dass Ihnen ein ziemlich kurzentschlossener Redakteur in Iserlohn noch schnell vor Ort ein Interview „reindrücken“ möchte – waren Sie ein bisschen genervt oder doch eher schon im „Warum nicht? Wenn‘s zeitlich passt?“-Modus?

Ich habe mich einfach gefreut, weil ich Kommunikation gut finde. Wenn jemand neugierig ist und mich sprechen möchte, warum soll ich nein sagen?

Sind Sie ein kommunikativer Mensch?

Würde ich schon sagen. Nicht nur vor der Kamera, sondern auch privat und im Freundes- und Familienkreis bin ich jemand, der nachfragt, der Sachen wissen möchte und der sich dafür auch wirklich interessiert. Ich merke, je älter ich werde, desto langweiliger finde ich einfach Gespräche, bei denen es um gar nichts geht.

Sie haben im Juni Geburtstag, finden Sie Älterwerden am Ende schön oder gar angenehm?

(lacht) Jein. Was ich genieße am Älterwerden ist die Entspannung, die sich einstellt. Wenn ich 20 Jahre zurückdenke, muss ich schon sagen, dass ich ein deutlich aufgeregterer Mensch war. Man sieht alles jetzt mehr mit Abstand, das ist ein großer Vorteil. Dass der Körper sich verändert – damit müssen wir alle leben.

Machen Sie was für den Körper? Hängen Sie schon morgens lustvoll im Türrahmen und ziehen an eben diesem Körper?

Nee, ich bin mit guten Genen versorgt. Ein bisschen Fahrradfahren und Laufen und auch eine bewusste Ernährung sind schon da, aber ich war nie ein Wahnsinns-Sportler.

Gene sind ein tolles Stichwort. Ich glaube erkannt zu haben, dass Sie in irgendeiner Form das Clowns-Gen ich sich tragen. Auf der einen Seite ruhig und nachdenklich und auf Knopfdruck geht’s rund. Dann aber eben auch gern wieder zurück in den Ruhe-Modus. Eine richtige Wahrnehmung?

Ich würde sagen: Stimmt. Viele Komiker sind ja privat durchaus auch ernste Menschen, haben auch eine gewisse Tiefe. Ich war eigentlich immer so, bin in die Comedy eher reingerutscht, habe ja am Theater gelernt. Comedy ist aber natürlich auch eine tolle Sache. Vom Publikum kommt so unendlich viel zurück. Aber andererseits war es mir auch nie genug, nur der Komiker zu sein. Ich bin schon ein Mensch, der viel reflektiert und der neben der „Quatschebene“ auch noch eine andere Ebene hat.

Sie sind Schauspieler, ernst wie lustig – aber eigentlich sind Sie auch Fernsehmacher, denn sich auf Reportage-Reisen unter Menschen in Zügen und U-Bahnen zu begeben oder mit drolligen Gefährten irgendwo hinaus in die Welt juckeln, das ist doch nicht der Schauspieler, das ist ja fast der Journalist in Ihnen. Oder Filmemacher.

Ich bin ein neugieriger Mensch. Der Schauspiellehrer hat einmal zu mir gesagt, dass die große Nase bei Menschen auch ein Zeichen für Neugier sei. Heißt, ich war auch immer neugierig auf interessante und spannende Fernsehideen und vor vielen Jahren kam also ein Produzent auf mich zu und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, mich nachts in Berlin in ein Taxi zu setzen und mich mit Menschen zu unterhalten. Meine erste Reaktion war natürlich: „Hör mal, ich bin doch Schauspieler, ich weiß gar nicht, ob ich das kann.“ Aber ich habe auch gedacht: Ohne Drehbuch, das ist doch Abenteuer. Probieren wir es mal eine Nacht aus. Ich hatte aber natürlich auch den Mut zum Scheitern.

Viele aus Ihrem Genre sagen immer gern, dass sie sich schon heute freuen, wenn wieder mal eine ernsthafte Bühne anruft. Sagen Sie, Sie sind mit dem, was sie derzeit machen, durchaus zufrieden?

Die Mischung macht’s in der Tat. Die brauche ich auch. Ich brauche auch die Abwechslung. Aber ich habe nie eine Wunschrolle gehabt, habe nie gesagt, ich müsse endlich mal den Hamlet spielen. Oder einen Tatort-Kommissar.

Ginge denn ein Tatort-Kommissar überhaupt noch? Da denkt doch jeder, der Kessler muss wenigstens einmal pro Mord mit dem Stuhl zusammenbrechen.

Könnte sein, aber ich wäre dann vielleicht was anders. Viele Leute haben natürlich auch bei der „Nachttaxe“ gedacht: Was macht der denn da, das ist ja gar nicht komisch. Also noch mal, die Mischung macht’s für mich.

Ein Kritiker sagt: „Sie sind der einzige, den ich kenne, der Florian Silbereisen, Günther Jauch und Adolf Hitler in einer Person darstellen kann.“ Ganz allgemein: Muss man Menschen lieben, um sie so spielen, so parodieren zu können?

Weiß ich nicht, ob man sie lieben muss. Ich mag die Menschen. Nicht alle, aber ganz viele. Bei den Prominenten hilft sogar oft die Distanz zu dem Prominenten, um ihn gut parodieren zu können. Wenn ich ihn ganz gut kennen würde, wäre es wahrscheinlich schwieriger.

Wenn Sie eine Parodie entwickeln, denken Sie im Vorfeld darüber nach, was der Parodierte wohl am Ende dazu sagen wird?

Nein.

Zum Beispiel Kollege Peter Klöppel von RTL. Ich weiß ja nicht, ob das eher ein lustiger Geselle ist.

Ich habe ihn mal getroffen, er ist eher ernst.

Dann ist er vermutlich abends vor dem Switch-Fernseher eher weniger begeistert von sich.

Das erwarte ich auch nicht von ihm. Es muss mir – ehrlich gesagt – sogar auch ziemlich egal sein, was die Parodierten darüber denken. Da fragen wir auch vorher nicht nach. Das würde mich am Ende in meiner Arbeit nur beschränken. Ich muss den Abstand haben zu sagen, das und jenes kann ich mit der Figur machen.

Sie machen auf mich den Eindruck, als ob Sie auch ein Mensch wären, der sich komplett zurücknehmen kann. Sie können Weihnachten noch richtig feiern?

Was hat Weihnachten mit Zurücknehmen zu tun?

Ich meine, dass Sie sich auf traditionelle Werte konzentrieren können und wollen. Auf Besinnung und Ruhe.

Ich bin ein Mensch, der den Rückzug braucht. Ich kann auch prima einen ganzen Abend hier sitzen und nur Ihnen zuhören. Ich muss hier nicht die erste Geige spielen und den Tisch unterhalten.

Versuchen Sie Ihr Privatleben so gut wie möglich zu schützen? So un­öffentlich wie möglich zu sein, wenn es der Auftrag nicht erfordert?

Ja, weil ich von Anfang an der Meinung war, dass die Menschen interessieren kann und soll, was ich vor der Kamera und auf der Bühne tue. Der Rest ist unwichtig. Ich verstehe nicht, wie man Kamerateams bei sich zu Hause Homestories machen lassen kann. Aber das muss auch jeder für sich entscheiden. Es geht am Ende doch nur um meine Arbeit. Mir ist es ja auch völlig egal, wie mein Arzt oder mein Optiker leben, ich will eine gute Brille.

Sie sind im 48. Lebensjahr. Haben Sie das Gefühl, dass bis dato alles rund gelaufen ist?

Da waren auch Knicke drin, es gab Zeiten der Arbeitslosigkeit. Nach der ersten „Switch“-Staffel Ende der 90er und auch nach der „Schillerstraße“ gab es jeweils ein Jahr, wo gar nichts passierte. Da macht man sich als Künstler schon so seine Gedanken, denkt über andere Beschäftigungen nach, weil man ja nicht die ganze Zeit vor dem Telefon sitzen und warten kann. Ich glaube, es ist echt wichtig, sich gerade in einem so künstlerischen Beruf möglichst breit aufzustellen.

Sie machen hier und jetzt auf mich auf Anhieb einen ganz nahen, angenehmen Eindruck. Täuscht aber meine Vermutung, dass Sie auch im Fall der Fälle reichlich finnig reagieren können?

An welchen Stellen glauben Sie das erkannt zu haben?

Bei manchen Gesichtsausdrücken in Talkshows zum Beispiel. Außerdem sind Sie ja Krebs im Sternzeichen.

Stimmt. Krebse sind sehr sensibel. Ich bemühe mich aber schon auch in Talkshows um eine positive Ausstrahlung, damit der Zuschauer nicht meint, man habe mich da reingezwungen. Ich schließe allerdings nicht aus, dass man in meinem Gesicht manchmal sehen kann, was ich von dem halte, was ich gerade höre oder sehe. Eine Haltung zu erkennen zu geben, ist mir schon wichtig.

Die Welt wurde gerade erschüttert von der Rückzugsankündigung des Stefan Raab. Sein Verhalten lässt vermuten, dass er einen Lebensplan hat. Haben Sie auch einen?

Ja! Ich steige noch nicht aus, weil mein Konto vermutlich noch nicht so gefüllt ist wie das des Kollegen Raab. Ich habe noch Lust an der Arbeit.

Sehen Sie sich denn mit 60 plus eher unter einem Oleanderstrauch auf Mallorca oder doch eher auf der Bühnen eines Schauspielhauses?

Ich kann mir gut vorstellen, dass ich nicht wie Johannes Heesters mit 103 noch auf der Bühne stehen muss, sondern dass der Punkt kommt, an dem man freiwillig sagt: „So, jetzt setze ich mich eben in den Garten.“ Am Job wie eine Klette zu hängen, ist nicht gesund.

Ohne jetzt allzu investigativ zu sein: Haben Sie eigentlich eine Familie?

Sehen Sie, und genau darüber rede ich ja nicht.

Mir geht es eigentlich auch nur darum, ob da hinter Ihnen ein Netz hängt, in das sie sich abseits des Berufs fallen lassen können.

Das gibt es in der Tat, das ist in dem Beruf auch unendlich wichtig. Da kommen auch viele Künstler ins Straucheln. Viele, die kein geerdetes Privat- oder Familienleben haben, straucheln bei den Verrücktheiten dieses Berufes.

Womit kann man Sie ärgern?

Unprofessionalität. Fehlende Sensibilität. Egoismus. Dummheit. Damit ärgert man mich.

Auf der positiven Seite verbucht der Krebs ja bekanntlich Fürsorglichkeit und Sparsamkeit.

Ich bin ein sparsamer Mensch. Oder sagen wir besser: Ich lebe sehr bewusst. Ich gehe bewusst mit Ressourcen wie Wasser und Strom um. Da bin ich ökologisch geprägt aus den 80er-Jahren. Ich bin nicht wirklich ein konsumfreudiger Mensch. Ich kaufe, was ich brauche, empfinde aber keine Genugtuung oder Lust dabei.

Urlaub?

Gerne. Leider im Moment viel zu wenig.

Eher im Süden oder eher im Norden?

Eher im Süden und am Meer.

Und dann mit Buch auf der Liege und nichts tun, nur das Nötigste denken?

Ich bin kein Brutzler, bin kein Mensch, der gern nichts tut. Dann lieber auf die Menschen und das Land zugehen und beobachten.

Letzte Frage für heute: Was soll die Welt mal über Sie sagen?

Den mochten wir. Den mochten wir sogar sehr gerne.