Terror

Wie viel Gewalt steckt im Islam?

Marsch gegen Terrorismus: Tausende demonstrieren in Paris gegen islamistische Gewalttaten.
Marsch gegen Terrorismus: Tausende demonstrieren in Paris gegen islamistische Gewalttaten.
Foto: dpa

Syrien, Kanada, jetzt Paris. Die Häufung religiös motivierter Morde wirft zwangsläufig die Frage auf, ob dieser Glaube Terror schürt? Eine Analyse.

Seit Monaten hält eine Welle bestialischer Verbrechen die Welt in Atem - verübt im Namen des Islam, wie die Täter deklamieren. In Syrien enthaupteten die Terroristen westliche Geiseln. In Irak und Syrien massakrierten sie tausende Opfer. In Pakistan ermordeten sie 132 Schulkinder, in Kanada exekutierten sie einen Soldaten im Zentrum von Ottawa. In Sydney nahmen sie australische Cafébesucher als Geiseln. In Nigeria löschten sie dutzende Dörfer aus – und in Paris töteten sie jetzt 17 Menschen im Büro von „Charlie Hebdo“ und einem jüdischen Supermarkt.

Wie ist diese spektakuläre Häufung religiös motivierter Gewalttaten zu erklären? Wie gewalttätig ist der Islam? Und was könnte in den nächsten Jahren an Horror auf die Menschheit zukommen? Von Lehrfundament und Ethos her ist der Islam nicht gewalttätiger als Christentum und Judentum – so der überwiegende Konsens unter den Fachleuten.

Terrormiliz Passagen, die von Gewalt oder Krieg reden, sind im Koran ähnlich selten wie in der Bibel. Und trotzdem erfährt der Islam, vor allem der sunnitische Islam, derzeit die schwerste Legitimationskrise seiner modernen Geschichte. Denn so wie er sich heutzutage als religiöse Institutionen organisiert, kann der Islam gegen die Fanatiker in den eigenen Reihen seine Kernbotschaft nicht mehr kohärent formulieren.

"Inhalte des Islam überspitzt und radikalisiert"

Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Sind Selbstmordattentäter Massenmörder oder Aspiranten für das Paradies? Ist das Abschlagen von Kopf und Gliedmaßen, das Auspeitschen bei religiösen Verstößen Lehre des Islam oder nicht? Warum ist der Eintritt in den Islam frei, der Austritt dagegen nach der Scharia mit dem Tode bedroht? Warum werden Frauen im islamischen Personenstandsrecht bis heute diskriminiert? Warum dürfen Nicht-Muslime nicht nach Mekka und Medina? Warum dürfen Christen auf dem Boden von Saudi-Arabien, dem Ursprungsland des Islam, keine Kirchen bauen und noch nicht einmal Gottesdienst feiern? Und wie hält es die islamische Doktrin mit der modernen Toleranz gegenüber Andersgläubigen oder Nichtgläubigen?

Salafismus „Die Islamisten haben im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben schlicht die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert“, urteilt der Palästinenser Ahmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Ihre Haltung zum Umgang mit „Ungläubigen“, zur religiösen Gemeinschaft der Muslime oder zur Rolle von Mann und Frau unterscheide sich nur graduell, nicht prinzipiell. Insofern verdankten die radikalen Strömungen ihre Gefährlichkeit nicht so sehr der Differenz zum „normalen“ Islam als vielmehr der Ähnlichkeit.

Das moralische Fundament ist unscharf

Salafisten Kein Wunder, dass sich angesichts dieser systematischen Unschärfe zwischen normal und radikal nicht mehr überzeugend darlegen lässt, wie das moralische Fundament des Islam und seine Anthropologie eigentlich aussehen. Herkömmliche Theologie und Koranausbildung im Nahen Osten sind den Herausforderungen der modernen Welt nicht mehr gewachsen. Das geistliche Establishment der sunnitischen Gelehrten in der arabischen Region wirkt kraftlos, kleinkariert und autoritär erstarrt – unfähig, gegen die blutrünstigen Verirrungen aufzustehen, geschweigen denn sie zu korrigieren.

So brauchte der saudische Obermufti geschlagene zwei Monate und erst eine wütende TV-Gardinenpredigt von König Abdullah über „die Faulheit und das Schweigen“ der Klerikerkaste, bis er den „Islamischen Staat (IS)“ öffentlich verurteilte. Zwei Jahre zuvor hatte der 71-jährige Chefprediger des saudischen Hofes noch selbst in einer Fatwa gefordert, den Bau christlicher Kirchen auf der arabischen Halbinsel zu verbieten.

Die islamistischen Terroristen als "zionistische Verschwörung"

Ahmad Mohammad al Tayyeb, Chefgelehrter von Kairos Al Azhar Universität, nannte den IS gar eine „zionistische Verschwörung“, die die arabische Welt auf die Knie zwingen soll. Ähnlich halbherzig und nebulös fallen auch andere Abgrenzungen zu der Gewaltbotschaft der Jihadisten aus. Und nur ganz wenige pochen bisher auf eine breite innermuslimische Debatte zu den geistigen Wurzeln der Radikalen.

Einer ist Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sissi, der kürzlich mit den geweihten Azhar-Häuptern entnervt ins Gericht ging. Alles, was den Muslimen heilig sei, werde inzwischen im Rest der Welt als Quelle von Angst, Gefahr, Tod und Zerstörung wahrgenommen. „Wir brauchen eine religiöse Revolution“, rief er aus und plädierte für eine moderne, aufgeklärte Neuinterpretation der heiligen Texte. „Ihr Imame seid vor Allah verantwortlich. Die gesamte Welt wartet jetzt auf eure nächsten Schritte. Denn die Gemeinschaft der Muslime wird zerrissen und zerstört. Sie ist dabei unterzugehen - und zwar durch unsere eigenen Hände.“

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