Was nun, Herr Tsipras?

Als gewiefter Populist dürfte der griechische Premierminister Alexis Tsipras ein gutes Gespür für die Volksseele haben. Er wusste: Sie kocht. Deshalb rief er zu einer Volksabstimmung. Die Fragestellung war kompliziert, die Papiere, um die es ging, hatte kaum einer gelesen und verstanden, überdies lag dieses Angebot der Geldgeber gar nicht mehr auf dem Tisch. Egal. Aus Sicht der meisten Griechen ging es um eine einfache Frage: Wollt ihr noch mehr Sparmaßnahmen, Rentenkürzungen und Entlassungen? Für Tsipras konnte das eigentlich nicht schief gehen. Dass dann aber mehr als 61 Prozent mit Nein stimmten, dürfte selbst ihn überrascht haben.

Was macht Tsipras mit diesem Ergebnis? Der zurückgetretene Finanzminister Yanis Varoufakis spricht davon, nun gelte es das Nein umzumünzen in ein Ja zu einer tragfähigen Vereinbarung mit den Geldgebern, die auch Schuldenerleichterungen einschließen müsse. Tsipras selbst interpretiert das Ergebnis als Stärkung seiner Verhandlungsposition. Tatsächlich ist Griechenland aber jetzt in einer sehr viel schwierigeren Lage als noch vor zehn Tagen, vor der Ankündigung des Referendums, oder gar im Februar, als die Verhandlungen begannen. Damals wäre eine rasche Einigung mit den Gläubigern zu relativ günstigen Konditionen möglich gewesen.

Je länger sich die Verhandlungen hinschleppten, desto tiefer rutschte das Land zurück in die Rezession. Mit der Schließung der Banken und der Einführung der Kapitalkontrollen bekam die Krise eine neue Dimension. Nun stottert auch der einzige verbliebene Wachstumsmotor, der Tourismus. Die Menschen, die mitunter stundenlang vor den Geldautomaten anstehen müssen, um dann ihre „Tagesration“ von 60 Euro in Empfang zu nehmen, sind verunsichert und verängstigt.

Dass dennoch mehr als sechs von zehn Wähler mit Nein stimmten, zeigt, wie tief der Frust nach fünf Jahren immer neuer Entbehrungen sitzt. Der Sparkurs, den die Athener Regierungen auf Geheiß der Gläubiger steuern mussten, hat ein Viertel der Wirtschaftskraft ausradiert, über eine Million Jobs vernichtet und Hunderttausende Menschen in Armut gestürzt. Viele haben am Sonntag mit Nein gestimmt, weil sie glauben, dass sie nichts zu verlieren haben. Andere setzen wohl auf das Versprechen ihres Premiers, jetzt schnell ein Abkommen mit den Geldgebern aushandeln zu wollen. Auch Europa ist gefordert. Die Partner sollten einen letzten Versuch machen, ein Hilfs- und Reformpaket zu schnüren. Es muss schnell gehen. Der drohende Zusammenbruch der griechischen Wirtschaft ist eine Frage weniger Wochen.