Von Romantik keine Spur

Mit Bastian Schweinsteiger verliert der FC Bayern sein Herzstück - ein Kommentar:

Neben Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier und vielleicht Lothar Matthäus und Philipp Lahm gehört Bastian Schweinsteiger zu den größten Fußballern, die je für den FC Bayern gespielt haben. Und noch vor Tagen hätte man als naiver Fan gedacht, dass der Ur-Bayer eher ein Denkmal vor dem Stadion in München bekommt, als dass er nach England zu Manchester United wechselt.

So kann man sich täuschen. Der Weltmeister verlässt nach 17 Jahren und 20 Titeln seine sportliche Heimat, wofür es bei näherer Betrachtung gute Gründe gibt. Er hat wirklich ausreichend verdient und muss nicht darauf hoffen, nach der Karriere einen Job bei den Roten zu bekommen. Er ist fast 31 Jahre alt, hat unzählige Spiele in den Knochen, er hat womöglich letztmals die Chance, bei einem ernstzunehmenden Klub zu kicken, noch dazu im Ausland, wo man ohnehin nicht dümmer wird.

Alles richtig, aber viel entscheidender dürfte sein, dass sich Bastian Schweinsteiger voraussichtlich viele Diskussionen und die Demütigung der Ersatzbank erspart, weil er bei United-Coach Louis van Gaal hoch angesehen ist, während er offenbar in den Plänen von Pep Guardiola keine tragende Rolle mehr spielt. Der Bayern-Trainer denkt rein professionell, er will neue Qualität, ein schnelleres Spiel, und er geht offensichtlich davon aus, dass er jüngere Profis braucht, um international wieder erfolgreicher werden zu können. Eine Sichtweise, die sich nach der vergangenen Saison durchaus nachvollziehen lässt.

Natürlich darf man als Romantiker über den Verlust an Werten klagen, darüber dass Vereinsverbundenheit immer weniger zählt, aber das ändert nichts daran, dass Bayerns aktuellem Fußball-Lehrer kaum etwas vorzuwerfen ist. Am Ende des Tages wird Guardiola nicht für ein großes Herz gelobt, sondern er wird allein an Titeln gemessen. Kritik wäre bigott.

Allenfalls darf man Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ankreiden, zu wenig Gespür für die Situation zu haben. Schweinsteiger kurzerhand als gewesene Identifikationsfigur zu erklären und zu ergänzen, dass „leider bei jeder Identifikationsfigur die Karriere irgendwann einmal zu Ende“ ist, kam öffentlich doch sehr kalt rüber.

Unabhängig von Rummenigge, unabhängig aller Romantik, dürfte feststehen, dass Pep Guardiola mehr denn je in der Bringschuld ist. Wer eine Vereinslegende, wer das Herzstück eines Teams, mir nichts dir nichts ziehen lässt, muss in der Königsklasse auftrumpfen, um die Fans auf die eigene Seite zu ziehen. Andernfalls dürften die Koffer schnell gepackt sein. Um irgendwann einmal Abschiedstränen zu bekommen, muss der Spanier noch viele Pokale gewinnen.