Schwierige Freunde

Der Respekt steht außer Frage, die Wertschätzung auch. Davon zeugt schon der protokollarische Aufwand. Nahezu das gesamte Kabinett begleitet Kanzlerin Angela Merkel nach Jerusalem.

Große Gesten, schöne Worte – und doch trügt der Schein. Die Beziehungen sind keinesfalls in einem idealen Zustand. So empfinden es zumindest die Israelis. Sie fühlen sich zu oft unverstanden und allein gelassen. Diese Stimmung kommt gerade ziemlich ungelegen. Schließlich steht 2015 ein Jubiläumsjahr an: 50 Jahre diplomatische Beziehungen zu Israel. An Signalen und Projekten des guten Willens mangelt es nicht: Es ist auch nicht schwer, sich in Detailfragen zu verständigen. Es ist vielmehr sogar geboten, den Blick nach vorn zu richten, über die Zusammenarbeit zu reden, statt immer nur über den Nahost-Konflikt zu streiten oder über die Vergangenheit zu diskutieren.

Aber: Beim Grundkonflikt um die israelische Siedlungspolitik kommen beide Seiten nicht zusammen. Die Regierung in Jerusalem schafft immer mehr Fakten. Sie sind eine Hürde, um schnell eine stabile Zweistaatenlösung zu erreichen. So sieht es Merkel. Und dieser Dissens mit Ministerpräsident Netanjahu bleibt; darin wird auch diese Reise nichts ändern.

Die Israelis nehmen in allen Fragen der Sicherheit eine harte Position ein, nicht nur im Nahen Osten, sondern auch im Iran-Konflikt. Sie müssen bisweilen davor geschützt werden, sich international selbst zu isolieren. Sie sind ziemlich schwierige Freunde.

Von Merkel erwarten sie eine uneingeschränkte Solidarität, die totale Parteinahme für Israel. Da kommt die Geschichte ins Spiel, die Psychologie, die deutsche Befangenheit. Es ist gewiss deutsche Staatsräson, Israel zu unterstützen und zu schützen. Aber es muss möglich bleiben, die Israelis auch zu kritisieren, von ihnen mehr Kompromissbereitschaft, mehr politische Fantasie zu verlangen.

Israel-Reisen sind immer ein Hochseilakt, da kommt es auf die Balancierstange an, Merkel darf sich nicht verbiegen lassen, sie kann Druck machen, darf unbequem sein, aber es kann nie Zweifel geben, dass Deutschland an der Seite Israels steht. Dass die Israelis Merkel ihren höchsten Orden verleihen, ist kein Zufall. Sie wissen genau, wer ihre Freunde sind. Sie reizen diese Freundschaft allerdings gern aus.