Schmidt nach Leverkusen - oder: Wenn Treueschwüre zur Folklore werden

Was wir bereits wissen
Die Frage war nicht mehr, ob Roger Schmidt seinen Vertrag in Salzburg erfüllen würde. Sondern nur noch, ob der Coach nach Frankfurt oder Leverkusen wechseln würde. Sein Fall ist ein weiterer Beweis dafür, dass Treueschwüre im Fußball zunehmend zur Folklore werden. Ein Kommentar

Über Jahre durften sich Fußballlehrer des Mitgefühls vieler Fans sicher sein. War gerade einer von ihnen gefeuert worden, hieß es in der Regel bedauernd, die Trainer seien halt das schwächste Glied einer Kette, wahlweise: den Letzten würden nun mal die Hunde beißen. Inzwischen hat sich die Perspektive verändert. Trainer werden heute als Teil eines – im Profifußball – höchst lukrativen Geschäfts gesehen, von dem sie wie alle anderen Beteiligten profitieren. Und in dem sie sich genauso egoistisch verhalten.

Aktuelles Beispiel: Salzburgs Trainer Roger Schmidt nimmt wie selbstverständlich ein Angebot von Bayern Leverkusen an, obwohl er erst vor wenigen Monaten seinen Vertrag mit dem von einem Brausehersteller finanzierten Klub bis 2016 verlängert hatte. Von Vertragsbruch kann dennoch keine Rede sein. Hatte sich der 47-Jährige doch – wie inzwischen üblich – eine Ausstiegsklause in seinen Kontrakt schreiben lassen für den Fall, dass ein größerer Verein ihn locken würde.

Bayer Leverkusen Folglich ist davon auszugehen, dass Schmidt kein schlechteres Gewissen hat als Vereine, die einen Trainer rauswerfen, oder Spieler, die das nächstbeste Angebot annehmen. Wozu also die Aufregung? Die Konsequenzen einer „Scheidung“ sind gewöhnlich schon bei Vertragsabschluss geregelt: Abfindung bzw. Ablöse (im Fall Schmidt ist von 1,5 Millionen Euro die Rede). Ein Drei- oder gar Vierjahresvertrag kann deshalb durchaus auch als Etikettenschwindel bezeichnet werden. Weil er eben nicht zwangsläufig – wie der Öffentlichkeit verkauft wird – einen größtmöglichen Vertrauensbeweis bedeutet.

Weil es ist, wie es ist, werden Treueschwüre inzwischen – nicht nur im Fußball, versteht sich – mit mehr Vorsicht denn je genossen; ja, sie gelten zunehmend als Folklore. Wer sich vor dem Hintergrund eines gültigen Arbeitspapiers gleichwohl von Fragen über mögliche Angebote oder Wechselabsichten genervt fühlt, wie unlängst Jürgen Klopp, sollte die Schuld deshalb nicht bei den Reportern suchen. Sondern bei den Gepflogenheiten seiner Branche.