Obamas Bärendienst

Die Arbeitslosenzahlen im Sinkflug, seine persönlichen Umfragewerte in der Aufwärtskurve: Für den nach den Halbzeitwahlen im Kongress im November bereits als abgemeldet geltenden amerikanischen Präsidenten fing das neue Jahr so schlecht nicht an. Der vergangene Sonntag macht die positiven Schlagzeilen auf einen Schlag zunichte.

Während rund 50 Regierungschef und Top-Politiker in Paris Solidarität bekundeten bei einer der größten Demonstrationen der europäischen Nachkriegsgeschichte, saß der Anführer der freien Welt zuhause vor dem Fernsehschirm und sah Football. Sein Vize, Joe Biden, sonst ein Reisewütiger vor dem Herrn bei weitaus nichtigeren Anlässen, war daheim in Wilmington/Delaware. Außenminister John Kerry diplomatierte in Indien. Justizminister Eric Holder war zwar an der Seine, sah aber offensichtlich keine Notwendigkeit sein Gesicht auf der Straße der Solidarität zu zeigen. Nicht mal für zehn Minuten.

Ein Fauxpas, den man Washington, wo viel auf Etikette und die Kraft von Symbolpolitik gegeben wird, nicht zugetraut hätte. Obamas Abwesenheit, der Verzicht auf Entsendung eines hochrangigen Repräsentanten oberhalb des Botschafter-Niveaus, kann nicht glaubhaft mit dem riesigen Sicherheitsaufwand erklärt werden, der Obama immer umgibt, wenn er in die weite Welt fährt. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Merkel, Netanjahu und Abbas sind nicht weniger schützenswert und gefährdet. Amerikas Fernbleiben ist Beleg für eine erstaunliche Unsensibilität. Und eine Geringschätzung gegenüber Europa. Kleiner Fehler, große Wirkung. Obama hat seinem Land einen Bärendienst erwiesen.