Obama darf nicht länger schweigen

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nd wieder ist die dunkle Geschichte ungesühnter Polizei- Übergriffe gegen Schwarze in Amerika um ein Kapitel länger: Der Würger in Uniform, der im Sommer einen übergewichtigen, asthmatischen Mann wegen eines Bagatellverdachts mit Todesfolge in den Schwitzkasten-Griff nahm, geht straffrei aus. Obwohl das Opfer mehrfach nach Hilfe röchelte und der vollkommen unangemessene Polizeieinsatz auf einem Video festgehalten wurde, hat eine Geschworenen-Jury keine hinreichenden Anhaltspunkte für eine Anklage gefunden. Für das schwarze Amerika ist damit einmal mehr der Beweis erbracht, dass der Staat im Zweifel ihr elementarstes Recht nicht schützt: das Recht auf Unschuldsvermutung, Unversehrtheit und Gerechtigkeit.

Wenn aber jede Zufallsbegegnung mit der Ordnungsmacht im Handumdrehen eskalieren und tödlich enden kann, läuft etwas grundsätzlich schief im Verhältnis zwischen Polizei und Bürger. Dass der Skandal diesmal nicht im Hinterwald Amerikas geschah, sondern in New York, setzt die politisch Verantwortlichen doppelt unter Druck. Bürgermeister Bill De Blasio, dessen Kinder dunkelhäutig sind, hat bei Amtsantritt versprochen, die für Willkür und Übergriffigkeit bekannte Polizei der Millionen-Metropole zu bändigen. Garners ungesühnter Tod macht ihn zum Papiertiger. Ähnlich verhält es sich mit Barack Obama. Der erste Schwarze im Weißen Haus hat sich nach Ferguson & Co. eine Leisetreterei verordnet, die von vielen Afro-Amerikanern zu Recht als Resignation und Feigheit verstanden wird. Doch: Kleinlaut war gestern. Obama muss das Wort ergreifen. Der Druck im Kessel Amerika wird sonst zu groß.