Noch immer nicht am Ziel

D a konnte der Himmel über Alabama am Wochenende noch so herrlich blau strahlen. 150 Jahre nach dem Ende der Sklaverei und 50 Jahre nach der Beseitigung der Rassentrennung an der Wahlurne stellt das schwarze Amerika fest, dass der heroische Marsch von Selma zu einem wichtigen Etappenziel geführt hat. Aber gewiss nicht durch alle Institutionen. Anders als Martin Luther King im März 1965 verkündete, liegen Diskriminierung und Chancenungleichheit in den USA nicht auf dem Totenbett.

Einkommen, Bildung, Ernährung, Gesundheit, Armut, Bürgerrechte – viele Schwarze sind heute trotz unbestreitbarer Fortschritte immer noch schlechter dran als Weiße. Die Teilhabe am amerikanischen Traum bleibt ihnen verwehrt. Für Barack Obama ist diese Diagnose ein harter Schlag. Mit dem ersten schwarzen Präsidenten in der Geschichte der USA verband sich die Hoffnung, dass die tiefen Gräben zwischen den Rassen zugeschüttet werden. Mitunter scheint das Gegenteil eingetreten zu sein. Schwarz und Weiß reden übereinander, wenn es brennt. Ein konstruktives Miteinander bleibt der Ausnahmefall.

Auch wenn man akzeptiert, dass es immer eine Illusion war anzunehmen, ein einzelner Mensch könne in acht Amtsjahren die Wurzeln des gegenseitigen Misstrauens kappen, das über Jahrhunderte gewachsen sind, so kann man Obama nicht von jeder Mithaftung für das Bild der Zerrissenheit befreien, das Amerika heute abgibt. Seit er am Anfang seiner Präsidentschaft unter Feuer geriet, als er polarisierend klar Stellung bezog gegen Behörden-Rassismus, bemüht sich dieser Präsident in Zweifelsfällen heute moderierend über den Rassen zu stehen. Die Lebenswelt derer, die ihn 2008 und 2012 in überwältigender Zahl gewählt haben, kommt dabei zu kurz. Zu dieser Lebenswelt gehört selbst für Millionen Schwarze, die es in die Mittelschicht geschafft haben, alltägliche, strukturelle Benachteiligung. In Zeiten exzessiver Polizeigewalt etwa in Ferguson hat sich so ein gefährlicher Erosionsprozess beschleunigt. Viele Schwarze glauben nicht mehr, dass der Staat ihre grundlegenden Rechte schützt: das Recht auf Leben und Gerechtigkeit.

Obama hat sich in Selma mit einer zutiefst patriotischen und zugleich bei aller Leidenschaft Ratlosigkeit vermittelnden Rede der Mängelliste gestellt. Da war nichts schön geredet. Obama präsentierte sich als Verwalter eines wertvollen Nachlasses, der akut bedroht ist. 50 Jahre nach Selma gibt es überall im Land Gesetze, die dazu gemacht sind, Menschen das Wählen zu erschweren. Sagt nicht irgendwer. Sagt der Präsident. Und fragt: „Wie kann das sein?“