Merkel und die starken Männer

Man muss dankbar dafür sein. Es war ein ehrlicher Moment. Der Eklat in St. Petersburg hat gezeigt, dass es mit den Beziehungen zu Russland nicht zum Besten steht. Aber er hat eben auch gezeigt, dass Kanzlerin Angela Merkel und Präsident Wladimir Putin noch gesprächsfähig sind, immerhin.

Was ist mit Merkel los? In letzter Zeit geht sie keinem Streit aus dem Weg. Erdogan ist pikiert, weil die Kanzlerin den Umgang mit Demonstranten in Istanbul kritisiert hatte. US-Präsident Obama musste sich gerade Kritik am Spähprogramm „Prism“ anhören. Und gestern sorgte sie in Russland für einen Eklat. Sie sagte den Besuch einer Ausstellung in St. Petersburg ab. Das war konsequent, weil die Russen sie faktisch daran hindern wollten, ein unbequemes „Grußwort“ zum Streit über die Beutekunst zu hakten. Merkel ließ sich das nicht gefallen; ihre Härte zahlte sich aus.

Kein Einzelfall. Die Spannungen nehmen zu. Mal geht es um politische Interessen wie in Syrien, mal um den Umgang mit den Stiftungen und im Kern oft um Menschenrechte. Ein Wertekonflikt, was sonst? Präsident Putin verbindet mit Modernisierung die Wirtschaft, nicht die Gesellschaft. In seiner zweiten Amtszeit tritt er härter, unduldsamer, intoleranter denn je auf. Und gleichzeitig zeigt sich, dass Merkel bis heute kein persönliches Verhältnis aufbauen konnte. Nichts im Vergleich mit den „Männerfreundschaften“ von Kohl und Jelzin, Schröder und Putin. Das hat sicher auch mit den Biografien zu tun: hier die Pastorentochter, dort der frühere KGB-Offizier. Noch größer ist der Gegensatz bei Joachim Gauck. Kein Zufall, dass der Bundespräsident bis heute nicht Russland besucht hat.

Aber: Staaten sind größer als ihre Politiker. Erstens, Russland ist für die Wirtschaft ein Riesenmarkt. Zweitens haben die Beziehungen auch einen strategischen Charakter. In der Nato gelten die Deutschen als „Russland-Versteher“. Diese Mittlerrolle haben frühere Kanzler gekonnt gespielt; sie verlieh ihnen Einfluss, viel Gehör. Merkel kann unmöglich zufrieden sein mit ihrer Reise nach St. Petersburg. Den Scherbenhaufen wird man wieder aufsammeln müssen.