Mehr Bildung zum Geburtstag

Mit 70 Jahren sollte man eine Menge erreicht haben. Tatsächlich dürfen die Menschen in Nordrhein-Westfalen stolz sein auf ihre Leistungen für das große Ganze. Rheinländer und Westfalen kommen gut miteinander aus. Doch Harmoniestreben war 1946 nicht das Hauptmotiv. Die Briten als Besatzungsmacht schufen das Bindestrich-Land aus rein machtpolitischem Kalkül: als Bollwerk gegen den vermuteten kommunistischen Einfluss der Sowjetunion. Und um die Franzosen zu besänftigen, die Rheinland und Ruhrgebiet am liebsten von Deutschland getrennt hätten. Die Briten indes wollten die Industrie nicht zerstören und die Menschen entmutigen, sondern lieber aufbauen und die Einwohner so zu Demokraten machen. Ein kluger und kühner Plan, der funktionierte. Darum ist Prinz William heute Abend beim Festakt in Düsseldorf dabei.

Die Briten interessierte vor allem das starke Ruhrgebiet. Niederrhein, Rheinland und Westfalen betrachteten sie eher als nettes und ländliches Beiwerk. Welch ein Wandel, wenn man sich diese Regionen heute anschaut!

Zunächst brummte das Revier als Motor des „Wirtschaftswunders“. Kohle, Stahl, Chemie, Energie brachten Arbeitsplätze, Steuern, Wohlstand. Es lief so gut, dass nebenbei noch ein Agrarland wie Bayern alimentiert werden konnte. Ob Herr Seehofer das weiß?

Doch der Boom hielt nicht an; Zechen und Hütten schlossen. Heute wirkt das Ruhrgebiet abgehängt, auch wenn es Hochschulen, Initiativen und jede Menge Kultur gibt. Es liegt allein an der schlechten Lage des Reviers, dass NRW nun als Wirtschafts-Schlusslicht firmiert. Düsseldorf, der Köln/Bonner Raum, der Niederrhein oder Westfalen stehen gut bis sehr gut da. Natürlich ist es nicht leicht, die verlorenen Hunderttausenden Arbeitsplätze der Großindustrie zu ersetzen. Doch das beste Rezept dafür ist: hervorragende Bildung und Ausbildung!


Hier hat NRW – trotz vieler Anstrengungen – Nachholbedarf. Dazu reicht der Blick in die Schulen: Viele sind heruntergekommen; die Klassen zu groß; die Lehrer genau deswegen überfordert. Wenn die Landesregierung Bildung als oberstes Ziel nicht nur erklären, sondern tatsächlich mit aller Kraft angehen würde – dann könnte das Land bald die Früchte ernten. Das alles kostet viel Geld, ja. Doch die Bundesregierung muss endlich einsehen, dass bestimmte Regionen von NRW dringend so etwas wie einen „Soli“ nötig haben. Nicht als Almosen oder Subvention. Sondern als kluge Investition in die Zukunft eines Landes, das fürs nächste Jahrzehnt alle Ideen, Optimismus und Tatkraft verdient hat.