Mainz fordert Vertragstreue, praktiziert sie aber nicht

Was wir bereits wissen
Von Trainern Vertragstreue erwarten, sich jedoch an Verträge nicht gebunden fühlen: Mainz erinnert mit dem Hjulmand-Rauswurf an den Abgang von Tuchel.

Essen.. Nur ein Sieg aus 13 Spielen – mit einer solchen Bilanz hält sich gewöhnlich kein Trainer. Über die Entlassung von Kasper Hjulmand in Mainz müssten also nicht viele Worte verloren werden. Dass sie dennoch eine besonders kritische Betrachtung verdient, hängt mit der Vorgeschichte zusammen.

Zur Erinnerung: Als Thomas Tuchel im Mai 2014 nach fünf erfolgreichen Jahren in Mainz um die Auflösung seines noch ein Jahr laufenden Vertrages bat, fanden die 05-Verantwortlichen dies ungeheuerlich. Zugegeben, dass Tuchel zuvor Angebote aus Schalke und Leverkusen sondiert hatte, durften sie als unschönen (gleichwohl branchenüblichen) Zug empfinden. Auf der anderen Seite hatte Tuchel die Saison mit der Qualifikation für die Europaleague beendet und seinen Wunsch mit einer beabsichtigten Auszeit begründet. An die er sich, nebenbei, für viele überraschend bis heute gehalten hat.

Mainz, das sein sympathisches Underdog-Image geschickt pflegt, brandmarkte Tuchel jedoch als „Verräter“ und „Heuchler“. Begriffe, die leider auch von vielen Medienvertretern übernommen wurden. Weil diese dem Klub abnahmen, er würde mit seinen Trainern anders umgehen als der Rest der Liga, der regelmäßig vertragsbrüchig gegenüber Fußball-Lehrern wird, allein in dieser Saison bereits sechsmal.

Unfassbar bis heute, dass Klubchef Harald Strutz, der im Januar erneut gegen Tuchel nachtrat, und Manager Christian Heidel damit durchkommen konnten. Hatte das Mainzer Zweigestirn doch fünf Jahre vorher mit der Entlassung des Tuchel-Vorgängers Jörn Andersen vier Tage vor dem Bundesligastart (!) für einen beispiellosen Fall gesorgt. Mit der Begründung: „Es ist konsequent und auch ehrlicher, einen klaren Schnitt zu machen, als eine Entscheidung mit halbherzigen Treueschwüren aufzuschieben.“

Klar, diese Einstellung, die auch Kasper Hjulmand zu spüren bekam, ist grundsätzlich richtig. Nur: Tuchel wurde daraus ein Strick gedreht.