Kommentar

Krisengewinner Deutschland

Deutschland zieht Europa aus der Krise. Eine stolze Zeile, die wir im Wahlkampf noch leidlich oft hören werden. Statistisch stimmt sie sogar, bezogen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen in Südeuropa ist sie Mumpitz.
Deutschland zieht Europa aus der Krise. Eine stolze Zeile, die wir im Wahlkampf noch leidlich oft hören werden. Statistisch stimmt sie sogar, bezogen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen in Südeuropa ist sie Mumpitz.
Foto: Boris Roessler/dpa

Die tollen Zahlen aus Deutschland werden eher Wut als Hoffnung schüren. Die Nachrichten aus Frankreich und Portugal machen Hoffnung, doch Spanien, Italien und Griechenland stecken weiter in der Rezession fest. Deutschland bleibt einstweilen Krisengewinner, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht.

Deutschland zieht Europa aus der Krise. Eine stolze Zeile, die wir im Wahlkampf noch leidlich oft hören werden. Statistisch stimmt sie sogar, bezogen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen in Südeuropa ist sie Mumpitz. Wenn das starke Wachstum der größten Volkswirtschaft den Durchschnitt der Eurozone über Null hebt, haben die Menschen in Griechenland und Spanien davon zunächst gar nichts. Sie sind noch genauso arbeitslos, arm und ihr Staat ist so überschuldet wie vorher. Denn die konsumwütigen Deutschen kaufen deutsche Häuser, schwedische Möbel und wandgroße koreanische Fernseher statt griechischen Olivenöls.

Nein, die Eurokrise ist nicht beendet, die Kluft zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden bleibt und in Athen werden die tollen Zahlen aus Deutschland eher die Wut als die Hoffnung schüren. Die guten Nachrichten aus Frankreich und Portugal machen etwas Hoffnung, doch Spanien, Italien und Griechenland stecken weiter in der Rezession fest. Deutschland bleibt einstweilen Krisengewinner, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht.

Die kaum mehr messbaren Zinsen sollten den Krisenländern helfen, tatsächlich profitiert Deutschland. Der Bund erhält quasi zinsfreie Kredite nicht trotz, sondern wegen der Eurokrise. Auch die Bürger kommen so günstig an Geld wie nie zuvor. Natürlich ärgern sich die Sparer, wird Kapital vernichtet. Doch die Folge ist willkommen: Die Deutschen geben ihr Geld aus statt es zu sparen. Der Arbeitsmarkt ist stabil, die Löhne steigen stärker als die Preise – der Konsum im eigenen Land ist für die deutsche Wirtschaft längst bedeutender als der ehedem alles entscheidende Export.

Das sollte nicht vergessen, wer auf die in der Tat enormen Risiken hinweist. Der deutsche Steuerzahler bürgt für Milliardenkredite an die Krisenländer und mit den bisherigen Hilfspaketen wird es nicht getan sein. Griechenland spart sich derzeit nicht gesund, sondern kaputt. Allein wird Europas größtes Sorgenkind es nicht schaffen. Nach der Bundestagswahl wird der nächste Schuldenschnitt und das nächste Hilfspaket fällig – jede Wette.

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