Kommentar

Jan Ullrich und der Selbstbetrug

Hält seine Verteidigungslinie aufrecht: Jan Ullrich bleibt dabei, nie jemanden betrogen zu haben.
Hält seine Verteidigungslinie aufrecht: Jan Ullrich bleibt dabei, nie jemanden betrogen zu haben.
Foto: Bongarts/Getty Images

Des Dopings längst überführt, bleibt Jan Ullrich bei seiner Verteidigungslinie, nie jemanden betrogen zu haben. Ein eklanter Fall von Selbstbetrug. Aber der Fall des Rad-Idols wirft auch ein schlechtes Licht auf die Gesellschaft, die den Erfolg um jeden Preis sucht. Ein Kommentar.

Essen.. Die Methode ist so bewährt wie verwerflich. Immer nur das zugeben, was ohnehin jeder weiß. Jan Ullrich blieb auch in dieser Beziehung lange Zeit ein Ausnahmesportler: Selbst als erdrückende Indizien und letztlich auch Gerichtsurteile vorlagen, verweigerte der tief gestürzte Radsport-Heros ein Geständnis und hielt statt dessen an seiner, auf der Verseuchung der ganzen Branche beruhenden Version fest, niemanden betrogen zu haben.

Diese – weil sie nicht zuletzt den Betrug an den gutgläubigen Zuschauern ausblendet – schwer zu ertragende Verteidigungslinie hält der Tour-de-France-Sieger von 1997 auch jetzt noch aufrecht. Das erstmalige Eingeständnis der längst erwiesenen Blutdoping-Behandlungen bei dem inzwischen zu einer Bewährungsstrafe verurteilten spanischen Arzt Eufemiano Fuentes ist alles andere als ein Befreiungsschlag, zu dem sich etliche gedopte Fahrer, darunter ehemalige Teamkameraden, durchgerungen haben.

Die Wortklauberei, mit der sich der 39-Jährige weiter um ein klares Bekenntnis zu seinen Regelverstößen drückt („Ich wollte für Chancengleichheit sorgen“), mögen Antidoping-Kämpfer als provozierend empfinden, ist aber eher Beleg einer fast schon Mitleid erregenden Hilflosigkeit. Ullrich gilt als Paradebeispiel dafür, dass im heutigen Hochleistungssport die Täter immer auch Opfer sind. Opfer des Systems, das im Radsport flächendeckendes Doping beinhaltete. Opfer einer Gesellschaft, die nichts so sehr anbetet wie den Erfolg, den anzustreben nahezu jeden Preis rechtfertigt. Und am Ende auch Opfer ihres Selbstbetruges, in dem sie von falschen Freunden und Beratern noch bestärkt werden.

Ullrich verzweifelt an einer Welt, in der ausgerechnet Scharping maßregelt

Radsport Andererseits: Kann es wirklich verwundern, wenn ein Jan Ullrich an einer Welt verzweifelt, in der er am Pranger steht, während ein des Dopings überführter Tour-Sieger wie der Spanier Alberto Contador in seiner Heimat nach wie vor als Held gefeiert wird? Einer Welt, in der demnächst wieder Millionen Fans an Frankreichs Straßen stehen werden, ohne dass es sie kümmert, wie die im wahrsten Sinne des Wortes übermenschlichen Leistungen ihrer Idole zustande kommen. Und in einer Welt, in der sich ein gefallener und fallen gelassener Sportler von einem Mann mit hohem Fremdschäm-Faktor wie Rudolf Scharping, der sich einst in Ullrichs Windschatten zum Affen gemacht hat, in Sachen Glaubwürdigkeit maßregeln lassen muss.

Vor allem wohl mit Blick auf Lance Armstrong, dem Radstar mit der größten Fallhöhe, hat Ullrich in seinem „Focus“-Gespräch gesagt, die Helden von einst seien heute „Menschen mit Brüchen, mit denen sie klarkommen müssen“. Wie der Vater von drei Kindern damit klar kommt, weiß nur er selbst. Was wir von ihm hören, lässt nichts Gutes ahnen.

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