Pränataldiagnostik

Hemmschwelle bereits auf dem Tiefpunkt

Ein Kommentar von Nina Grunsky

In Deutschland werden 95 Prozent der Embryonen abgetrieben, bei denen eine Chromosomen-Störung festgestellt worden ist. Angesichts dieser Zahl drängt sich die Frage auf, ob die Hemmschwelle, ein Kind mit Behinderung abzutreiben, durch einen einfachen Bluttest überhaupt noch viel tiefer sinken kann?

Der Test ist längst verfügbar – für die, die ihn privat bezahlen. Er wird sich nicht mehr verhindern lassen, selbst wenn die gesetzlichen Kassen die Kosten auch in Zukunft nicht übernehmen. Es wäre auch den Eltern nicht zuzumuten, die vielleicht nur Gewissheit über ihr Kind haben möchten, die ihm so früh wie möglich alle Hilfen geben, sich und ihr Baby dem nunmehr unnötigen Risiko einer Fruchtwasseruntersuchung auszusetzen. Und diejenigen, die ein Leben mit einem Down-Syndrom-Kind fürchten, lassen sich durch mehr Kosten und Mühen kaum abhalten, diese Methode der vorgeburtlichen Diagnostik in Anspruch zu nehmen.

Statt den Test zu verhindern, muss sich die Gesellschaft der Diskussion stellen, wie sie mit behinderten Menschen umgehen will. Statt den Test zu verhindern, muss die Politik die Angst vor dem Leben mit einem Handicap nehmen. Sie muss dafür sorgen, dass werdende Eltern die Gewissheit haben, den Alltag mit einem behinderten Kind in dieser Leistungsgesellschaft meistern zu können, ohne sich selbst ganz aufzugeben. Es braucht mehr selbstverständliche Unterstützung, ohne dass Väter und Mütter hart darum kämpfen müssen. Und schließlich gilt es, das Ideal der Inklusion besser umzusetzen. Denn nur wenn werdende Eltern in ihrem Umfeld erfahren haben, wie lebenswert und glücklich ein Leben mit Behinderung sein kann, werden sie sich für ein Baby mit dieser Diagnose entscheiden.