Glaube und Vernunft

Ein Grundproblem der modernen Gesellschaft ist die Entsolidarisierung. Gingen vor 30 Jahren noch Hunderttausende auf die Straße, um gegen Krieg und für eine gerechtere Welt zu demonstrieren, fühlt sich heute der Einzelne angesichts der Allmacht der Probleme hilflos und alleine. Das Internet scheint den eigentlich mündigen Bürger sogar noch kleiner zu machen. In dieser Situation kommt den Kirchen unvermutet eine vergessen geglaubte Rolle zu. Sie können die Keimzellen einer neuen Solidarität sein. Immer öfter sieht man im Kleinen, auf der Gemeinde-Ebene, wie fruchtbar sich engagierte Christen für andere einsetzen, für Flüchtlinge, für verwahrloste Kinder, für alle diejenigen, die aus dem Raster der reichen Gesellschaft herausfallen.


Genau diese solidarische Haltung fordert der Papst jetzt auch von den Europapolitikern auf den verschiedenen Handlungsebenen ein: Flüchtlingspolitik, Jugendarbeitslosigkeit, Umweltschutz, Verschwendung. Und das in Worten, die Kirchenkritikern ebenso wie orthodoxen Gläubigen quer im Halse stecken bleiben könnten. Denn „Vernunft und Glaube, Religion und Gesellschaft“ sollen sich laut Franziskus gegenseitig vor Extremismus schützen. Das sind ungewohnte, neue, geradezu revolutionäre Töne für ein katholisches Kirchenoberhaupt. Dieser Papst ist wirklich ein Mutmacher.