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Libyen

Gaddafis verheerendes Erbe

19.10.2012 | 21:15 Uhr

Fast alle Libyer wissen noch genau, wo sie in jenem historischen Moment waren. An jenem Vormittag vor einem Jahr, als ihr verhasster „Bruder Führer“ von Rebellen entdeckt und exekutiert wurde sowie neun Monate Bürgerkrieg ihr Ende fanden. Längst sind die Jubelfeiern über Muammar Gaddafis Tod verklungen und hat Libyen seinen mühsamen Weg in eine neue Zukunft angetreten. 50 000 Menschen haben ihr Leben verloren, von tausenden Regimeopfern fehlt bis heute jede Spur. Mehr als 10 000 Schwerverletzte liegen nach wie vor in Europa und arabischen Nachbarländern in Krankenhäusern.

Gaddafi hat ein verheerendes Erbe hinterlassen, und es wird Jahrzehnte dauern, bis die Trümmer in den Köpfen beseitigt sind. Ohne Zweifel hat das Land mit seinen friedlichen Parlamentswahlen einen ersten, eindrucksvollen Meilenstein gesetzt. Doch ansonsten ist nicht viel passiert.

Der tief eingeschliffene Konflikt zwischen dem dominanten Westen und vernachlässigten Osten schwelt weiter. Allen Kommunen fehlt das nötigste Geld, obwohl die Öleinnahmen wieder sprudeln wie zu Gaddafis Zeiten. Der Aufbau der Armee tritt auf der Stelle. Viele Polizeibeamte haben seit Monaten keine Gehälter mehr bekommen – und dass, obwohl innere Sicherheit der wichtigste Schlüssel ist für wirtschaftliche Entwicklung, zivilen Fortschritt und ausländische Investitionen. Stattdessen nisten sich Gaddafis Getreue in den Nachbarländern immer besser ein, schüren Zwist und Unruhen unter ihren Landsleuten. Im Inneren dagegen haben mutige Bürgerinitiativen den radikalen Islamisten erstmals offen die Stirn geboten und sie verscheucht. Doch niemand weiß, wo die Fanatiker jetzt stecken, wie stark sie sind und was sie als Nächstes planen.

Libyen hat Talent und Libyen hat Geld – und Libyen kann auf die Unterstützung aus dem Ausland zählen. Eine offene Gesellschaft aber braucht ständige Pflege und Wachsamkeit. Und das können nur die Bürger von Libyen selbst in die Hand nehmen.

Martin Gehlen

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