Er war der Dichter der Republik

Nobelpreisträger Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren gestorben.
Nobelpreisträger Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren gestorben.
Foto: Getty Images News/Getty Images

Günter Grass war der letzte seiner Art: Ein fabelhafter, saftiger Erzähler, der gleich nach dem Bestseller-Erfolg mit seiner „Blechtrommel“ begann, an den Reden von Willy Brandt zu feilen, als der noch längst nicht Bundeskanzler war. Mit Grass hat die Republik den letzten politischen Unruhe- und Diskussionsstifter unter ihren Schriftstellern verloren. Ein Moralist und publizistischer Gigant, der wusste, wie man Schlagzeilen schreibt, und herüberragte aus der alten Bundesrepublik: unser Grass. Schon deshalb wird dieser in der Wolle gefärbte Demokrat fehlen, vielleicht sogar seinen Gegnern. Selbst sie hatten in der Auseinandersetzung mit Grass die Gelegenheit, ihre Argumente zu schärfen – was ja nur bei Kontrahenten von Format gelingt.

Es war aber auch die Republik, die dem Autor Grass die Chance gab, zur Instanz zu werden. Eine Republik, deren politisches Personal von Idealen und Werten geleitet war und von Denkern dabei beraten werden wollte, wie man sie ins Tagesgeschäft umsetzt. Das aber besteht heute fast nur noch aus schnellen Reflexen. Auf Gedanken der Dichter mag da niemand mehr hören.