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Armutsbericht

Eine gefährliche Entwicklung

23.02.2016 | 18:24 Uhr

Armut ist immer relativ. In Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens bezieht; und das reicht sicherlich noch zu einem Leben ohne Hunger. Das wiederum ist das Kernargument, mit dem der alljährliche Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes häufig als Klage auf einem hohen Niveau abgetan wird. Und das ist grundfalsch.

Denn auch wenn Armut relativ sein mag, lässt sich nicht hinwegdiskutieren, dass sich in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine Entwicklung in Gang gesetzt hat, die das Zeug hat, den sozialen Frieden nachhaltig zu stören: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, der Niedriglohnsektor wuchert, Regionen wie das Ruhrgebiet sind in einem Abwärtsstrudel gefangen, in dem sich Entwicklungen wie hoffnungslose kommunale Verschuldung, steigende Sozialausgaben, Zerfall der Infrastruktur, Wegzug von Besserverdienern und Unternehmen gegenseitig bedingen.

Studien wie die des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sind Wasser auf die Mühlen derjenigen, die sich von Ängsten nähren und die gesellschaftliche Spaltungen vertiefen wollen. Der Hass, der Flüchtlingen mancherorts entgegenschlägt, speist sich auch aus der Sorge vor künftigen Verteilungskämpfen. Das Misstrauen gegenüber der etablierten Politik und der Demokratie insgesamt wächst mit dem Gefühl des Abgehängtseins. Dem muss die Politik entgegensteuern. Durch die gerechtere Besteuerung von Reichtum, höhere Investitionen in Bildung, die rechtzeitige Integration von Flüchtlingen und die finanzielle Entlastung von Kommunen. Ansonsten gewinnen die Populisten Oberwasser.

Jan Jessen

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2016-02-23 18:24
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