Ein Signal an die EU-Partner

Für Russlands Präsident Wladimir Putin war es gestern ein guter Tag. Der Premier eines EU-Landes war zu Besuch, und die Gesprächsatmosphäre war nicht unterkühlt, weil gänzlich überschattet vom Ukraine-Konflikt, sondern vergleichsweise herzlich. Athen und Moskau wollen die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen vertiefen. Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras war also ein angenehmer Gast, einer, der Putin das Gefühl gab, dass Europa nicht wie eine Eins gegen ihn steht. Hat Tsipras sich der EU gegenüber unsolidarisch verhalten?

Die Antwort lautet: Nein. Er hat das getan, was der Staatschef eines souveränen Landes tun muss, das wirtschaftlich am Boden liegt. Er hat neue Geldquellen angezapft. Im Energiesektor, aber auch, indem er den Russen die bilaterale Lockerung des Landwirtschaftsembargos abverhandelte, das die griechischen Bauern mit voller Wucht getroffen hat. Tsipras hat sich kritisch zu den EU-Sanktionen geäußert? Geschenkt – das haben vor ihm schon italienische, österreichische und ungarische Regierungsvertreter getan.

Natürlich ist der Moskau-Besuch auch ein Signal an die europäischen Partner: Seht, wir Griechen sind nicht auf euch allein angewiesen. Das mag man undankbar finden. Tatsächlich aber bräuchte Athen neue Partner, wenn Europa Griechenland vor die Wand fahren ließe; kokettiert wird damit in Partnerländern wie Deutschland ja immer offener. So gesehen ist Tsipras’ Charme-Offensive in Moskau vielleicht einfach nur vorausschauende und nüchterne Realpolitik.