Deutschland schaut auf doppelte Befreiung zurück

Doch, es war eine geschickte, eine kluge Entscheidung der deutschen Politik, nicht selbst ans (Haupt)-Rednerpult der erinnernden Vergangenheit zu treten.

Doch, es war eine geschickte, eine kluge Entscheidung der deutschen Politik, nicht selbst ans (Haupt)-Rednerpult der erinnernden Vergangenheit zu treten. Ein honoriger Historiker durfte sagen, was aus dem Munde von Bundespräsident oder Bundeskanzlerin womöglich einen anderen Zungenschlag, eine andere Gewichtung nach außen hätte bekommen können.

70 Jahre nach Kriegsende hat sich das Ost-Westklima auf einen Kältegrad heruntergefrostet, den man eigentlich für überwunden geglaubt hatte. Aber Schlussstriche sind im historischen Kontext nur allzu oft eine höchst trügerische Einschätzung und ihre Tragfähigkeit wird immer ohne Garantieschein zugestellt.

Im (schuldhaften) Lichte der eigenen Vergangenheit muss sich gerade Deutschland mit besonderer Nachhaltigkeit und gegenwärtig wohl auch unbeirrbarer Geduld in die Pflicht nehmen lassen, Verantwortung am großen Ganzen übernehmen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und die Wiedervereinigung 1989 sind zwei Daten von dramatisch-epochaler Bedeutung. Sie bedingen einander und stehen unter unterschiedlichen Vorzeichen für einen vollendeten Befreiungsprozess. Das kann, das darf man nicht vergessen, wenn man mit beiden Beinen im Hier und Jetzt stehen will.

Dabei geht es nicht um die immer wieder neue Weitergabe einer Schuld über die Generationen hinweg. Aber das Wissen um diese Vergangenheit muss förmlich zu einer Fackel der Verpflichtung werden: für Flüchtlinge und Heimatvertriebene, gegen Rassismus und Antisemitismus. Und für den unbedingten Willen, die Völkergemeinschaft in eine Zukunft zu begleiten, in der Freiheit und Würde tatsächlich eingelöst sind.