Auf Augenhöhe mit den Arbeitgebern

Die Kita bleibt geschlossen, der Briefkasten leer, die Reiseplanung wird zum Glücksspiel: In Deutschland vergeht fast kein Tag mehr, an dem nicht irgendwo gestreikt wird. Meist geht es ganz traditionell um Geld oder Arbeitszeiten, teils um Machtfragen (Bahn), bisweilen um Grundsätzliches im Tarifgefüge (Amazon, Kitas). In diesem Jahr könnten die streikbedingten Ausfalltage den höchsten Stand seit fast zehn Jahren erreichen. Dafür gibt es gute Gründe: Nach einer Dekade der Lohnzurückhaltung in den Nullerjahren fordern die Gewerkschaften eine angemessene Beteiligung der Arbeitnehmer am Aufschwung. Zurecht: Geht es der Wirtschaft gut, sollen auch die davon profitieren, die den Wohlstand erwirtschaften. Die historisch niedrige Arbeitslosigkeit verschafft den Gewerkschaften das nötige Machtmittel, das sie zu nutzen wissen – und nutzen sollten. Dass sie dabei mitunter über das Ziel hinausschießen, liegt in der Natur von Tarifverhandlungen. Nach Jahren der Krise begegnen die Gewerkschaften den Arbeitgebern wieder auf Augenhöhe; sie haben etwas nachzuholen. Wann, wenn nicht jetzt?

Von einer „Streikrepublik“ ist Deutschland dessen ungeachtet weit, sehr weit entfernt. Richtig ist, dass die Menschen die Streiks heute stärker in ihrem Alltag zu spüren bekommen, weil neun von zehn Streikenden Dienstleister sind. Das macht die Streiks oft so ärgerlich. Aber sowohl im internationalen wie im historischen Vergleich sind die Ausstände gemessen an den streikbedingten Ausfalltagen noch immer – Peanuts.