Wie Qigong die Lebensenergie der Menschen in Fluss bringt

Qigong soll stressgeplagten Menschen zur inneren Ruhe verhelfen.
Qigong soll stressgeplagten Menschen zur inneren Ruhe verhelfen.
Foto: Getty Images
Was wir bereits wissen
Die über 5000 Jahre alte Bewegungskunst Qigong gehört zu den Säulen der traditionellen Chinesischen Medizin. Gestressten Menschen soll sie helfen.

Schwarzenberg.. Im Zeitlupentempo schwingt der Arm, der „den Affen abwehren“ soll nach vorne. Die obere Hand formt einen Ball, dreht sich spiralförmig nach unten. „Nicht die Handgelenke drücken, die Bewegung kommt aus der Schulter“, sagt Lena. Mit richtigem Namen heißt die 62-Jährige Du Hong. Seit 40 Jahren unterrichtet sie gemeinsam mit ihrem Mann Sui QingBo in Deutschland Qigong.

Die über 5000 Jahre alte chinesische Bewegungskunst gehört neben der Meridianlehre, der Akupunktur und Tuina zu den Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Wobei Qi frei mit Energie übersetzt werden kann, Gong mit Arbeit oder Üben. Die Grundidee dabei: In den Übungen wird die Lebensenergie in den Meridianen in Fluss gehalten, Stauungen werden gelöst. „Denn Blockaden im Meridiansystem führen zu Krankheiten“, sagt QingBo.

„Wie eine Wildgans fliegen“

„Zur Ruhe kommen“, fordert Lena ihre Schüler immer wieder auf. Oder „Schau deine innere Umgebung“. Gerade stressgeplagte Zeitgenossen können bei den Übungen mit so philosophischen Namen wie „Wasser schieben, um der Welle zu helfen“, „Wie eine Wildgans fliegen“ oder eben „Den Affen abwehren“ innere Ruhe und Ausgeglichenheit finden.

Wissenschaftliche Studien zu dem Thema gibt es wenige. Allerdings bieten immer mehr kardiologische Reha-, Schmerz- oder Psychosomatische Kliniken Entspannungstechniken an. Qigong-Kurse werden von den meisten Krankenkassen heute mit bis zu 80 Prozent der Kosten bezuschusst. „Prävention, Behandlung und Rehabilitation“ – das ist Qigong für Lena und QingBo.

War es allerdings nicht immer. Als der junge Meeresbiologe QingBo 1983 ein Stipendium der Hans-Seidel-Stiftung erhielt und nach Deutschland reisen sollte, sagte seine Mutter vor dem Abschied aus seiner chinesischen Heimat Qingdao: „Du musst Qigong machen, um gesund zu bleiben“. Mama war von der Angst getrieben, dass der Sohn bei einer möglichen Erkrankung die teuren europäischen Mediziner nicht bezahlen konnte.

Gemeinsam mit seiner Frau Lena, die bereits in chinesischen Krankenhäusern als Qigong-Therapeutin gearbeitet hatte, widmete er sich der Bewegungskunst. Beide stellten in Deutschland schnell fest, dass gerade diese Kenntnisse von Achtsamkeit und Entschleunigung hier gefragt waren. Sie begannen mit dem Unterricht, oder wie Lena es ausdrückt: Sie hatten die „Eintrittskarte zum Anfang eines Weges sowohl zum Lehren als auch zum Lernen“ gezogen.

Wohlbefinden Mit einer Gruppe weckt Lena das Qi auf. Eine auf den ersten Blick einfache Bewegung. Aus einer leicht gebeugten Stellung steigen die Arme bis in Schulterhöhe auf und sinken anschließend wieder. „Die Wahrnehmung folgt der Bewegung“, sagt sie. Und mahnt an, die Atmung, die Momente von Drehung, Dehnung und Entspannung wie einen Körperscan innerlich zu betrachten. Die Übungen verlangen volle Konzentration, da bleibt kein Platz, die Einkaufsliste für den Nachmittag zu checken. Beobachten, Nachahmen, Imitieren, Vorstellen – das sind die Säulen des Lernens. Sitzt die Choreographie der Übung, kann sie neben der gesundheitsfördernden Bewegung auch ihre meditative Komponente entfalten.

„Stetiges Lernen im Lebensprozess“

„Qigong stärkt die Lebensenergie, regt die Selbstheilungskräfte an und verlängert das Leben“, ist Lena überzeugt. „Wir haben nur eine Gesundheit, da gibt es keinen Plural“.

Für den Einstieg ist nie zu spät. In China trifft man in fast jedem Park gerade ältere Menschen, die Qigong zum Erhalt ihrer geistigen Fähigkeit und körperlichen Flexibilität üben. Die Verletzungsgefahr liegt bei Null. Nebenwirkungen sind ebenfalls nicht bekannt. Zumal man die Übungen im Stehen, Sitzen und sogar Liegen praktizieren kann. Anschaffungskosten? Fehlanzeige. Außer bequemer Kleidung braucht man nichts. Allerdings sollte man sich über Eines im Klaren sein: Qigong wirkt nur bei regelmäßiger Übung. „Es ist ein stetiges Lernen im Lebensprozess“, sagt QingBo. Einfache Neugier, eine unbekannte, etwas exotisch erscheinende Bewegungsform erlernen zu wollen, reichen nicht aus. Man muss den Affen in sein Leben integrieren.