Wie Erwachsene dank neuer Methoden ein Instrument erlernen

Regina Hicking (links) auf dem Weg der Erfüllung eines Kindheitstraums: Sabine Langen hilft der 49-Jährigen dabei.
Regina Hicking (links) auf dem Weg der Erfüllung eines Kindheitstraums: Sabine Langen hilft der 49-Jährigen dabei.
Foto: Lars Heidrich
Was wir bereits wissen
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans ganz anders. Auch Erwachsene können noch das Klavierspielen oder ein anderes Instrument beherrschen. So geht’s.

Düsseldorf.. Mit 49 Jahren erfüllt sich Regina Hicking ihren Kindheitstraum. Zumindest lautet so der Plan. Denn noch befindet sich Regina in der Testphase: Ob es wirklich etwas für sie ist, dieses Klavierspielen, zu dem sie bisher nie gekommen ist, sollen die nächsten zwei Stunden zeigen. „Ich glaube schon, dass es schwierig ist“, sagt sie. „Noch schwieriger stelle ich es mir aber mit Noten vor.“

Um die brauchen sich die Teilnehmer des Piano-Crashkurses der Düsseldorfer Musikschule Klangsalon nicht zu kümmern. Sie lernen nach einer Methode, die Music Coach Sabine Charlotte Langen speziell für Erwachsene erdacht hat: mit Farben statt Noten. Dafür klebt Langen bunte Streifen auf die Tasten. Statt des Tons „C“ wird „Grün“ gespielt, statt „D“ „Gelb“. Das Ziel: mindestens ein Stück mit der rechten und linken Hand zu spielen.

Klingt utopisch? Keineswegs! Neues lernen kann man sein Leben lang – selbst so etwas Komplexes wie ein Instrument.

Aber es heißt doch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“...

Richtigerweise müsste es heißen: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans anders. „Erwachsene gehen verkopfter an die Sache ran“, erklärt Langen. „Kinder legen einfach los und probieren aus.“ Bei Erwachsenen müsste alles immer sofort funktionieren. Auch deshalb hat sie das Konzept „Spielen nach Farben“ entwickelt. „Da steht der Spaß im Vordergrund und die Farben schrecken nicht so ab wie Noten.“

Dass Kinder schneller lernen, stimmt aber schon?

Kinder haben den Vorteil, dass ihre Nervenverbindungen im Gehirn noch nicht so festgefahren sind. Bei Erwachsenen dauert es länger, bis sich neue Vernetzungen bilden. Und: „Mit dem Alter schrumpfen die Bereiche im Gehirn, die für die Gedächtnisleistung relevant sind“, sagt Boris Suchan, Professor für Neurowissenschaften an der Ruhr-Uni Bochum. Heißt: Wer Neues lernen will, muss „erhöhten Aufwand im Gehirn betreiben“.

Hat man im Alter denn auch Vorteile?

„Erwachsene lernen konzentrierter und mit höherer Eigenmotivation“, sagt Langen. Außerdem hilft ihnen die Erfahrung: „Sie können neue Inhalte in bestehende Konstrukte einbauen. Das macht die Sache einfacher“, erklärt Suchan. Selbst der Blockflötenunterricht in der Grundschule hat so Jahrzehnte später noch seinen Nutzen.

Welche Instrumente sind für Einsteiger gut geeignet, welche eher nicht?

„Das Klavier ist extrem dankbar, weil man total schnell Erfolgserlebnisse hat“, sagt Langen. Auch die Gitarre sei ein gutes Instrument für Anfänger.

Klavierspielen nach Farben Von Geige und Trompete rät die Musiklehrerin eher ab: „Es dauert, bis man da einen sauberen Ton 'rausbekommt.“

Warum sollte man gerade im Alter mit dem Musizieren anfangen?

Viele wissenschaftliche Studien schreiben dem Musizieren eine gesundheitsfördernde Wirkung zu. Forscher konnten zum Beispiel nachweisen, dass schon ein paar Monate Klavierunterricht die Gedächtnisleistung von Über-60-Jährigen verbessern und dass aktives Musizieren die Gefahr reduziert, an einer Depression oder Demenz zu erkranken.

Anfangs lernt man schnell, später flacht die Lernkurve ab. Wie hält man trotzdem durch?

„Man braucht vor allem Geduld mit sich selber“, sagt Langen. Die Motivation sei schließlich schon da. Darüber hinaus sei es hilfreich, in einer Gruppe zu lernen und die Ziele nicht zu hoch zu stecken.

Regina jedenfalls ist guter Dinge, dass das Klavier und sie noch länger miteinander zu tun haben werden. Vor zwei Stunden war sie noch blutige Anfängerin, jetzt kann die 49-Jährige Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“ spielen. Beidhändig. „Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell klappt“, sagt sie und denkt schon einen Schritt weiter: „Für ein Klavier habe ich zu Hause keinen Platz, aber für ein Keyboard bestimmt.“