Wie eine Smartphone-App Blinden fremdes Augenlicht leiht

Die App baut eine Verbindung per Video zum Helfer auf. Der Sehbehinderte kann das Handy dann auf Gegenstände halten und Fragen dazu stellen.
Die App baut eine Verbindung per Video zum Helfer auf. Der Sehbehinderte kann das Handy dann auf Gegenstände halten und Fragen dazu stellen.
Foto: Be my eyes
Den richtigen Joghurt im Regal oder den Pulli im Kleiderschrank finden - eine App will blinden Menschen helfen, indem diese sich mit Sehenden vernetzen.

Essen.. Reiner Delgado steht am Kühlregal eines Supermarktes, hält zwei Joghurtbecher in den Händen. SIe fühlen sich genau gleich an, haben die gleiche Höhe, den gleichen Umfang: Und doch sind sie verschieden: In dem einen Becher ist Joghurt mit Vanillegeschmack, in dem anderen mit Erdbeergeschmack.

Wer den Vanillejoghurt bevorzugt, der wirft jetzt kurz einen Blick auf das Etikett, und dann landet der richtige Becher im Einkaufswagen. Eine Sache, die innerhalb von wenigen Sekunden geschieht. Vorausgesetzt man kann sehen. Reiner Delgado kann es nicht.

12.000 Nutzer mit Sehbehinderung

Blinde und sehbehinderten Menschen bei solchen Alltagsproblemen helfen - das will eine neue Smartphone-App, die sich "Be my eyes" nennt. Sie wurde in Dänemark entwickelt und wirbt mit dem Slogan "Non profit - all for love" (Kein Profit -für die Liebe).

Eine fast schon romantisch anmutende Idee, die Menschen aus aller Welt zusammenführen will. Auf der Seite von "Be my eyes.org" werden die Nutzerzahlen der App angezeigt. Bisher sollen mehr als 134.000 Sehende und fast 12.000 blinde Menschen teilnehmen.

Video-Verbindung zwischen Blinden und Sehenden

Und so funktioniert die App: Ein Sehbehinderter stellt eine Anfrage. Die App leitet diese an eine sehende Person weiter. Nimmt sie die Anfrage an, dann kann zwischen den beiden eine Videoverbindung aufgebaut werden. Hinterher hat derjenige, der die Hilfe in Anspruch genommen hat, die Möglichkeit die Sitzung zu bewerten oder Missbrauch zu melden. Die App ist kostenlos, aber bisher nur für Besitzer von iPhones zu bekommen.

Ein Video auf der Seite von "Be my eyes" zeigt, wie die Kommunikation idealtypisch auszusehen hat. Ein kleines Mädchen lässt sich per Videoübertragung ein Familienfoto beschreiben. Ein Mann will herausfinden, ob die Milch im Kühlschrank noch haltbar ist. Die App zaubert glückliche Menschen herbei - diesen Eindruck will die Anwendung vermitteln. Aber ist das nur eine kitschige Vorstellung oder kann die App wirklich Probleme für sehbehinderte Menschen reduzieren und nebenbei noch Fremde zusammenbringen?

Reiner Delgado ist skeptisch. "Ich habe für mich noch keinen Bereich gefunden, für den sich diese Anwendung lohnen könnte", sagt Delgado, der als Sozialreferent beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) tätig ist. Schon seit seiner Geburt leidet er an einer Augenerkrankung. Seit etwa 15 Jahren kann er nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden.

Wie ein Blinder die Farbe seines Pullis erkennt

Muss er sich für einen Joghurtbecher entscheiden, hält der 44-Jährige es für zu aufwendig, dann noch einen Videoanruf zu starten. "Ich kann ja nicht wissen, wie lange es dauert, bis sich jemand meldet. Dann bin ich schneller, wenn ich eben jemanden neben mir frage." Hilfreich ist auch der so genannte "Einkaufsfuchs", wie Reiner Delgado erklärt. Das Gerät scannt den Barcode des Produktes und teilt einem dann mit, um welchen Joghurt es sich handelt.

Das ist nur ein Hilfsmittel von einer Vielzahl von Gegenständen wie dem sprechenden Fieberthermometer oder dem sprechenden Taschenrechner. Wenn Reiner Delgado morgens vor dem Kleiderschrank steht und sich zwischen einem roten und einem blauen Pullover entscheiden muss, dann hilft ihm ein Gerät zur Farberkennung. Die meisten gibt es beim Deutschen Hilfsmittelvertrieb.

Angebot an Apps ist groß

Auch im Internet informiert er sich. Denn der Markt für Apps entwickelt sich ständig weiter. Besonders zahlreich sind die Anwendungen zur Texterkennung wie "Prizmo", "SayText" oder der "KNFB-Reader". Mit "Color Say" lassen sich Farben ermitteln. Eine andere App wiederum, die sich "BlindSquare" nennt, sagt ihrem Benutzer, welche Läden und besonderen Orte sich in der Umgebung befinden.

Unterstützung würde sich Reiner Delgado aber beim Vorlesen der Post wünschen. Briefe könne er zwar einscannen und dann ausspielen, aber das erfordere viel Zeit. "Viele Briefe sind aber vertraulich. Den Inhalt möchte man dann vielleicht lieber mit einer vertrauten Person teilen", sagt Delgado.

Statt einer App mehr Nachbarschaftshilfe

Nutzwert hin oder her: Dass die App sehende und blinde Menschen zusammenbringt, hält er für einen guten Ansatz. Er denkt die Idee weiter: "Vielleicht kann man sich eher in der Nachbarschaft zusammenschließen. Das halte ich für praktischer." Dann kommt der Nachbar nicht nur eben vorbei, um die Haltbarkeit der Milch zu prüfen, sondern bleibt auch noch für die Post. Und statt einer Bewertung nach Punkten gibt's einen Kaffee dazu. Ganz im Sinne von "Be my eyes": nämlich aus Nächstenliebe.