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Schiffstour für Touristen : Kegelrobben vor Rügen wieder heimisch

Tierisches, 07.12.2009, DerWesten

Lauterbach. In Schleichfahrt nähert sich das Ausflugsschiff «Schaprode» dem Ziel. Auf dem Freideck richten die Passagiere die Ferngläser nach Backbord. Mehrere Hundert Meter entfernt brechen sich in der aufgewühlten See des Greifswalder Boddens schäumende Wellen an den Steinen einer Untiefe.

Minutenlang suchen die Teilnehmer der ersten Robbenexpedition der Weißen Flotte den Horizont ab. Dann endlich taucht für wenige Sekunden der Kopf einer Kegelrobbe aus der bewegten See auf.

Wer am Samstag auf gute Fotos von den ersten vor Rügen wieder heimisch gewordenen Robben hoffte, wird allerdings enttäuscht. Selbst versierte Spezialisten wie der Rügener Tierfotograf Rico Nestmann, der das Seegebiet mit einem Mega-Objektiv von über 1000 Millimeter Brennweite abtastet, kommen nicht zum optimalen Schnappschuss. Zu kabbelig ist die See, zu groß ist die Distanz.

Touristen beobachten am Samstag bei Lauterbach im Greifswalder Bodden waehrend der ersten Robbenexpedition der Weissen Flotte vom Schiffsdeck die Meeressaeuger. Foto: Jens Koehler/ddp Foto: ddp

Schätzungsweise 600 Meter trennen die Schaulustigen von den Tieren. Bis auf maximal 400 Meter, so haben es Naturschützer zur Bedingung für diesen Ausflug gemacht, dürfen sie ran. Doch wegen des starken Südwindes muss Kapitän Falk Frädrich noch mehr Abstand halten, um nicht auf die Untiefe zu treiben. Manche Kinder an Bord sind enttäuscht. «Ich kann Robbie ja gar nicht sehen», schmollt der fünfjährige Nico.

Fast eine Stunde dauert die großräumige Umrundung jener Robbenbank, die Kegelrobben schon vor über 100 Jahren besiedelt hatten, bevor sie gnadenlos ausgerottet wurden. Mehrfach lässt sich weit draußen eines der neugierigen Tiere blicken, die seit einigen Jahren hier wieder heimisch sind. Eifrig notieren die Gäste an Bord ihre Beobachtungen auf ausgeteilten Erfassungsbögen. Später werden die Daten von Experten ausgewertet.

Fotografieren ist nicht einfach

Info

Kegelrobben in der Ostsee

Noch vor rund 100 Jahren gab es in der Ostsee etwa 100 000 Kegelrobben. Der damalige Bestand an den ostdeutschen Küsten wird auf 100 bis 200 Tiere geschätzt. Von Fischern als Konkurrenten angesehen, wurden die Tiere gnadenlos gejagt. Die preußische Regierung zahlte fünf Reichsmark für jedes abgeschossene Tier. 1920 wurde in Pommern das vermutlich letzte Tier erlegt. (ddp)

Im Jahre 1993 lebten höchstens noch 6000 Kegelrobben in der Ostsee. Doch die Bestände erholten sich vor allem vor den Küsten von Finnland, Schweden und Estland. Inzwischen werden auf den traditionellen Wurfplätzen wieder etwa 22 000 Tiere gezählt.

Etwa seit 1997 wurden vor Mecklenburg-Vorpommerns Küste immer wieder einzelne Tiere gesichtet. Experten des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) hatten 1998 festgestellt, dass es an der ostdeutschen Küste noch immer viele geeignete Habitate für die Meeressäuger gibt. Die Idee, etwa 50 aus Estland stammende Jungtiere auf Rügen wieder anzusiedeln, scheiterte 2001 am Widerstand von Fischern. Seit 2003 werden im Greifswalder Bodden wieder regelmäßig Tiere beobachtet. Inzwischen halten sich die etwa 15 Kegelrobben ganzjährig dort auf. Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass auf Usedom die ersten Jungen geboren wurden.

(Quelle: Bundesamt für Naturschutz)

ddp/som/pon

Ein Foto habe sie nicht machen können, sagt Nadine Oberdeck. Aber enttäuscht sei sie deshalb nicht. «Ich habe gesehen, dass die Robben wieder an die Ostseeküste zurückgekehrt sind. Das ist doch toll», sagt die 30-Jährige aus Wilhelmshaven, die beruflich im Offshoregeschäft auf der Nordsee unterwegs ist und schon oft Robben vor Helgoland und im Wattenmeer beobachtet hat. Sie finde es prima, dass man den Leuten die Möglichkeit gebe, bei einer solchen Fahrt die Tiere mal zu Gesicht zu bekommen, sagt Irina Rehberg, Touristin aus Bremen. Solange die Fluchtdistanz eingehalten werde, müsse man nicht um die Tiere fürchten, meint ihr Freund Thomas Gasch.

Robben-Watching ist kein Problem

Auch Tierschützer und Forscher äußern sich zufrieden über das Anliegen der Robben-Watching-Fahrten, die bei Umweltverbänden auf geteiltes Echo gestoßen waren. «Wir sollten Gäste, die vor allem wegen unserer einzigartigen Natur hierher kommen, in unsere Naturschutzanliegen einbinden», sagt Meeresbiologe Henning von Nordheim vom Bundesamt für Naturschutz (BfN). Sie sollten Zeuge eines fast schon sensationellen Prozesses sein, der Rückkehr der Kegelrobben.

Biologe Florian Hoffmann beobachtet am Samstag im Greifswalder Bodden bei Lauterbach waehrend der ersten Robbenexpedition der Weissen Flotte vom Schiffsdeck die Meeressaeuger. Foto: Jens Koehler/ddp Foto: ddp

Cathrin Münster von der Umweltstiftung World Wide Fund for Nature (WWF) findet, man hätte mit solchen Ausfahrten besser noch etwas warten sollen. Doch wenn die Distanz gewahrt werde, sei wohl nichts dagegen einzuwenden. (ddp)

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