Statt Brei - Erziehungstheorie lässt Babys selbst wählen

Essen und Schlafen sind die Hauptbeschäftigungen von Babys. Eine Abwechslung auf dem Speiseplan ist da bestimmt willkommen.
Essen und Schlafen sind die Hauptbeschäftigungen von Babys. Eine Abwechslung auf dem Speiseplan ist da bestimmt willkommen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Es muss nicht immer Brei sein - oder doch?! Eine Theorie aus Großbritannien wählt einen anderen Ansatz - die Kinder sollen einfach selbst wählen.

Berlin.. Was darf es heute sein? Würden Babys sich wirklich Brei wünschen? Nein, meinen manche Eltern und Experten. Sie finden, auch ganz kleine Kinder sollen ihr Essen selber wählen. Das überzeugt allerdings nicht jeden. Und nicht alle Lebensmittel gehören in Kindermünder.

Baby-Led Weaning stammt aus Großbritannien

Kein Füttern, kein Brei: Das Kleinkind sitzt mit seiner Familie am Tisch und wählt selbst, was es gerne essen möchte. Vielleicht darf es ein Gemüsestückchen oder etwas Fisch sein? Dazu wird das Baby gestillt oder bekommt ein Fläschchen mit Milch. Anke Krämer* hat vor rund sieben Jahren nach der Geburt ihres ersten Kindes in einer Zeitung von der Methode gelesen. Baby-Led Weaning stammt aus Großbritannien - demnach bekommen Babys keinen Brei, sondern nehmen quasi an den Mahlzeiten der Familie teil.

Baby-Led Weaning (BLW) bedeutet übersetzt etwa: "vom Baby geführtes Entwöhnen". "Ich fand das total spannend, zumal ich bei Freunden und Bekannten schon erlebt habe, wie ungern manche Babys Brei essen", erzählt Krämer.

Erst bot sie ihrem Sohn Milo Gurkensticks und Kohlrabi an. "Gekühlt, weil wir gelesen haben, dass die Kälte seine Beschwerden beim Zahnen lindert." Es folgen Reiswaffeln, später Kartoffeln, Brot, gedünstetes Gemüse, Nudeln. "Es war beeindruckend, mit welcher Freude mein Kind am Tisch saß und sich durch die Lebensmittel probierte."

Fingerfood fürs Baby

Baby-Led Weaning ist keine neue Erfindung. Seit Jahrtausenden geben Eltern ihren Babys kleine Häppchen zu essen. "Die meisten Kinder sind mit ungefähr sechs Monaten reif für Beikost. Sie können mit etwas Unterstützung aufrecht sitzen, Dinge greifen und in den Mund stecken", sagt Aleyd von Gartzen, Beauftragte für Stillen und Ernährung beim Deutschen Hebammenverband.

Sie hält das für sehr babyfreundlich: "Früher hat man einfach starr eine Milchmahlzeit durch Brei ersetzt und ist dabei oft auf den lautstarken Widerstand des Kindes gestoßen." Baby-Led Weaning hingegen fördere die individuelle Entwicklung des Kindes: "Das Baby wird dabei nach Bedarf gestillt oder mit dem Fläschchen gefüttert. Und die Fingerfood-Häppchen sind eine spielerische Beigabe, die nach und nach immer mehr Raum einnehmen."

Kaiserschnitt-Geburt Von Gartzen erklärt, wie das konkret funktioniert: "Das Baby sitzt bei den Mahlzeiten mit am Familientisch und bekommt Lebensmittel in handlichen Stücken angeboten." Erst sind das vor allem weiche Sachen wie gekochte Gemüsestückchen, Brot, gedünstete Apfelschnitze oder klein geschnittener, grätenfreier Fisch. "Geeignet sind eigentlich alle Lebensmittel, die auch Erwachsene zu sich nehmen und die nicht zu stark gewürzt sind, man muss also nicht extra kochen."

Die Eltern füttern nicht aktiv, das Baby entscheidet selbst, ob es zugreift oder nicht. Das ist natürlich meistens erst mal eine ziemliche Sauerei. "Aber ich weiß von anderen Eltern, dass auch Brei füttern zum großen Gematsche werden kann", sagt Krämer. Das bessere sich aber mit der Zeit.

Risiko Nährstoffmangel

Die kleinen Fingerfood-Häppchen und Essens-Spielereien machen Babys aber (noch) nicht satt. Das Kind wird weiter nach Bedarf mit Muttermilch oder Milch-Fläschchen gefüttert. "Je mehr die Kinder dann essen und je besser sie mit den angebotenen Lebensmitteln zurechtkommen, desto mehr sinkt der Bedarf am Stillen", erklärt von Gartzen.

Nicht alle Experten sind davon komplett überzeugt. Maria Flothkötter, Leiterin des Netzwerks "Gesund ins Leben", einer Initiative des Bundesernährungsministeriums, rät zum Brei. "Das Risiko eines Nährstoffmangels kann durch diese Form der Ernährung nicht ausgeschlossen werden", sagt sie.

Spätestens mit Beginn des siebten Monats steige der Bedarf an Nährstoffen, wie Eisen, zum Teil stark an. Stillen oder Fläschchen allein decke den Bedarf beim Kind oft nicht. Die Beikost hingegen sei genau berechnet, über Jahrzehnte erprobt und sicher in Bezug auf die Nährstoffversorgung, meint Flothkötter.

Spielerisches Entdecken bei Tisch

BLW hingegen sei noch nicht wissenschaftlich untersucht. Das Risiko, dass die Kinder zu wenige Nährstoffe aufnehmen, sei deshalb zu groß. Für Eltern sei es kaum nachvollziehbar, welche Mengen ihr Kind durch diese Methode nun tatsächlich gegessen hat.

Die Expertin sieht in der Fingerfood-Methode daher eher eine Ergänzung: "Man kann dem Kind Brei oder auch zerkleinertes Familienessen geben und ihm dann trotzdem noch Lebensmittel zum Selberessen anbieten." Es hat viele Vorteile für Kinder, sich selbst auszuprobieren. Das fördert das spielerische Entdecken der Geschmacksvielfalt.

Die Angst, dass sich Babys an den Häppchen verschlucken, sei unbegründet, sagt von Gartzen: "Bei Babys sitzt der Auslösepunkt für das Würgen sehr weit vorne auf der Zunge, sie spucken zu große Stücke also aus." Ausnahmen sind Nüsse, Kirschen oder ganze Weintrauben: "Solche Lebensmittel sind gefährlich und gehören nicht in Babyhände", mahnt die Expertin. Zudem sollten Eltern die Babys beim Essen niemals unbeaufsichtigt lassen.

Hebamme von Gartzen hält von fertigen Gläschen aus dem Supermarkt nicht viel: "In den industriell gefertigten Breimahlzeiten ist geschmacklich nur eine sehr begrenzte Vielfalt zu finden", sagt sie. So entwickele sich der Geschmackssinn eines Kindes nicht in voller Breite. (dpa)