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20 Jahre Mauerfall : Mit Lotti übern Alex

Deutschland, 08.12.2009, Stephan Brünjes

Berlin: Eine Trabi-Safari durch die Hauptstadt ist Ostalgie pur

Auf Wunsch kommt Lotti oben ohne. Aber nur wenn´s nicht regnet. Lotti ist quietschrot, hat eine eher unvorteilhafte Figur und schon einige Jahre auf dem Buckel. Eine alte Schachtel also? Nein, dafür ist sie noch zu unternehmungslustig, die agile Trabi-Dame mit dem nachgerüsteten Coupé-Verdeck.

Heute dürfen wir Lotti durch Berlin steuern. Doch vorher hat Franziska das Wort: Die 25-jährige Studentin kennt sich nicht nur zwischen Reichstag und Rotem Rathaus aus, nein, auch mit Revolverschaltungen in „Rennpappen”: „Runter Richtung Knie is der erste Gang” erklärt unsere Trabi-Fahrlehrerin, „rauf Richtung Windschutzscheibe der zwote, für den dritten und vierten Gang müssensen Revolver rausziehen.” Die Pedale seien an derselben Stelle wie bei anderen Autos auch. Aber wohin bitte mit den Knien in dieser Enge?

Der Motor knattert auf, und Lotti hat augenblicklich Schüttelfrost. Ihr ganzer Karosserie-Körper zittert. Eine Runde zum Eingewöhnen um den Gendarmenmarkt, dann tuckern wir Richtung Museumsinsel. Da gegenüber war mal der Palast der Republik. „Übrigens nicht nur Ort der Volkskammer, sondern auch der Volksbelustigung”, erklärt Franziska vom Rücksitz aus und berichtet von Theateraufführungen und Bowlingbahnen in „Erichs Lampenladen”, wie das Gebäude von den Berlinern auch genannt wurde. „Tuuuuuuuut!” Unüberhörbar die Hupe eines gelben Stadtrundfahrt-Busses. Weg da, heißt dieser Ton. Ist aber gar nicht so einfach. Lottis Motor heult zwar, doch sie bewegt sich keinen Meter. Panischer Griff zur Handbremse. Ist gelöst, also nicht der Grund für den Stillstand.

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Trabi-Safaris gibt es in Berlin auf zwei Routen, der beschriebenen „Wild East Tour" oder der „Berlin Classic”-Strecke durch den West- und Ostteil. Beide Touren starten und enden am Gendarmenmarkt. Preise: ab 30 Euro pro Person bei Viererbesetzung. Buchung: 030/27 59 22 73,www.trabi-safari.de

Da meldet sich die Stimme vom Rücksitz: „Sie sind im Dritten. Revolver reinschieben und runterschalten in den Ersten.” Kaum dem hupenden Doppeldecker entronnnen, wartet schon das nächste Abenteuer: Mit dem Trabi rein ins dreispurige Verkehrsgetümmel am Alexanderplatz. Franziska erzählt, dass der früher mal ein Viehmarkt war und der Ostberliner Fernsehturm im Volksmund nicht „Telespargel”, sondern „St. Walter” genannt wurde, nach dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht. Etwas weiter, auf der Marx-Allee beginnt der Geschwindigkeitsrausch, erstmals hochschalten in den vierten Gang. Lottis 26 PS durchdröhnen die Schallmauer von 50 Stundenkilometern. Wagemut, der prompt bestraft wird: An der nächsten Kreuzung springt die Ampel auf rot. Der Gasfuß rammt mit voller Wucht ins Bremspedal. Doch Lotti scheint diesen Tritt nicht zu spüren. Sie rollt, rollt und rollt. Am Ende eines LKW-Bremsweges stoppt sie mit hüstelndem Motor mitten auf der Kreuzung.

„Hatten sie eigentlich schon mal ...?” Franziska fällt mir ins Wort: „Kommt immer diese Frage, aber nein, toi toi toi, wir hatten noch keinen Trabi-Crash.” Jetzt bloß nicht der erste sein, der einen Unfall mit dieser Kiste baut. Am besten nur noch im ersten und zweiten Gang fahren. Dann sieht man auch mehr. Zum Beispiel die sogenannten „Arbeiterpaläste”. So nennt Franziska die geräumigen Wohnblocks an der ehemaligen Stalinallee. Hier begann der Volksaufstand 1953. Über diese und andere Details der DDR-Geschichte lässt sich mit der 25-jährigen Studentin prima plaudern. Ein großer Vorteil gegenüber einer Stadtrundfahrt von der Stange.

Das Abbiegen in die Simon-Dach-Straße läßt Sehnsucht nach der Servolenkung aufkommen, die quirlige Kneipenszene rechts und links verlangt eigentlich nach einem Zwischenstopp. Doch Franziska hat noch eine Anschlusstour, leider. Also weiter. Vorbei an der „East Side Gallery”, dem mit 1,3 Kilometern längsten noch erhaltenen Mauerstück Berlins. Heute übersät mit Graffiti.

"Für den dritten Gang den Revolver zieh'n": Bei gebuchten Trabant-Touren sitzt ein Fahrlehrer auf dem Rücksitz. Foto: foto: stephan brünjes

Allmählich wird Lottis Steuermann richtig lässig, lenkt cool einhändig und interessiert sich für die wenigen Interieurs des Hartplastik-Armaturenbretts, etwa eine blinkende grün-rote Anzeige rechts neben dem Lenkrad. „Ach, das Mäusekino”, lacht Franziska vom Rücksitz – eine Art Momentan-Verbrauchsanzeige, an der man angeblich erkennen kann, wieviel Gemisch der Zweitakter derzeit in blauen Qualm verwandelt. Eine Tankanzeige hingegen hat dieses Gefährt nicht. Da muss man – ähnlich wie mit dem Ölstab im Motorraum nachsehen.

Unter den Linden dann die letzte Herausforderung dieser Tour. Umzingelt von Taxis, Radkurieren, Bussen und Touristen rutschen wir schnurstracks in einen Wolkenbruch. „Der Drehknopf ganz links”, ruft Franziska, während der Regen auf Lottis Verdeck trommelt. „Einmal nach links drehen ist schnell, nochmal drehen ganz schnell, danach kommt erst Stufe langsam”, erklärt die Reiseleiterin den Scheibenwischer. Lotti aber ist ein eigenwilliges Modell: Der rechte Wischer macht nicht so richtig mit, zuckt schließlich nur noch und wird nach wenigen Minuten ohnmächtig.

Unvermeidlich, dass uns jetzt dieser alte Witz wieder einfällt: Trabifahrer fragt an Westtankstelle: „Kann ich einen Satz Scheibenwischer für meinen Trabi bekommen?. Der Tankwart überlegt kurz und antwortet: „Okay, ist´n fairer Tausch.”

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