Putzmittel, Treppen, Kanten - So wird das Haus kindersicher

Auf ein Gebäude mit mehreren Stockwerken ist der kindliche Instinkt nicht eingestellt. Treppen sind daher eine potentielle Gefahrenquelle im Haushalt.
Auf ein Gebäude mit mehreren Stockwerken ist der kindliche Instinkt nicht eingestellt. Treppen sind daher eine potentielle Gefahrenquelle im Haushalt.
Was wir bereits wissen
Eltern möchten ihre Kinder schützen – doch welche Maßnahmen sind wirklich sinnvoll und welche übertrieben?

Essen.. Wenn ein Kind geboren wird, ist das schön. Schön aufregend. Man muss so viele Dinge anschaffen, an so vieles denken und die Wohnung scheint plötzlich eine einzige riesengroße Gefahrenzone zu sein: überall spitze Kanten, wackelige Möbel, Stromquellen, giftige Reinigungsmittel. Zahlreiche Internetseiten und -foren bieten endlos lange Checklisten mit möglichen Risiken. Doch muss das alles wirklich sein? Der Diplom-Psychologe und Familientherapeut Dr. Klaus Neumann weiß Rat.

Treppen absperren

Es ist der Albtraum aller Eltern: Das Baby hat gerade Freude an Bewegung gefunden, krabbelt, rutscht und stolpert herum – und stürzt in einem unbeobachteten Moment die Treppe hinunter. Davor schützen Treppengitter – die auch der Experte für sinnvoll hält. „Wenn ein Kind zur Welt kommt, ist es eigentlich mit allem ausgestattet, was es braucht“, sagt Klaus Neumann. „Es verhält sich sehr instinktiv und lernt ständig dazu.“

Ärzte-Alarm So weiche es zum Beispiel vor offenem Feuer zurück – nicht aber vor heißen Herdplatten. Ähnliches gelte auch für Treppen: „Der archaische Mensch wohnte in einer Höhle, also meist ebenerdig“, erklärt Klaus Neumann. Auf ein Gebäude mit mehreren Stockwerken sei der kindliche Instinkt nicht eingestellt. Daher stellten auch offene Fenster eine große Gefahr dar.

Bewegliches sichern

„Wenn ein Kind bei seinen ersten Laufversuchen hinfällt, dann in der Regel auf den gut gepamperten Hintern“, sagt Neumann. Davor müssen Eltern daher nicht allzu viel Angst haben. Riskant wird so ein Sturz erst dann, wenn Gegenstände mit im Spiel sind, sich das Kind beispielsweise an einer Tischdecke hochzieht, die auf dem gedeckten Tisch liegt, oder nach sehr wackeligen Möbelstücken greift, um sich aufzurichten. „Wenn sie an etwas ziehen, um sich hinzustellen, gehen sie davon aus, dass es fest sein wird“, so Neumann. Natürlich müssen Eltern nun nicht panisch jedes Möbelstück auf seine Standfestigkeit testen. „Seien Sie achtsam, haben Sie Ihr Kind einfach im Blick.“

Keine Angst vor Kanten

Wie oft hat man sich schon an einer Tischkante gestoßen? Oft genug, um zu wissen, dass es wehtut und man mit Kanten besser nicht auf Konfrontationskurs gehen sollte. Auch Kinder müssen lernen, dass die Welt nicht aus Schaumstoff und Teppich besteht. Eltern sollten daher nicht jede Kante im Haushalt mit Polstern verkleiden, sagt Klaus Neumann. „Ich verstehe, dass man sein Kind vor scharfen Kanten schützen möchte. Aber wenn wirklich etwas passiert, dann passiert es nicht durch eine solche Kante.“ Denn draußen, in der Natur, warten noch ganz andere spitze oder scharfe Materialien.

Putzmittel wegschließen

Ein Kind lernt mit allen verfügbaren Sinnen – dazu gehört auch der Geschmackssinn. Alles wegzuräumen und wegzuschließen, was nicht auf Babys Speiseplan steht, ist aber nicht nötig. „Lutscht das Kind zum Beispiel an einem Stück Seife, wird es schnell feststellen: Das schmeckt nicht,“ sagt Klaus Neumann. Gefährlich seien hingegen Stoffe, die schon in kleinsten Mengen schädlich sein könnten oder eben Dinge, die neutral bis süß schmecken würden, wie manche Medikamente.

Produktsicherheit Denn süßer Geschmack sagt dem menschlichen Instinkt, dass etwas essbar ist. Im Zweifel sollten Eltern vorsichtig probieren, wie beispielsweise das Haarshampoo oder eine andere Flüssigkeit im Haushalt schmeckt – sofern sie nicht mit einem Gefahrenzeichen gekennzeichnet ist. Dann können sie besser einschätzen, ob das Kind womöglich eine halbe Flasche davon freiwillig trinken würde oder eben nicht. „Wenn die Qualität der Gefährdung die Eigenschutzfähigkeit des Kindes übersteigt, dann sollte man Vorsorge treffen.“

Die gefährliche Umwelt

Nicht nur in den eigenen vier Wänden lauern Gefahren. „Das Kind kann schnelle Bewegungen nicht einschätzen, das ist bei ihm nicht einprogrammiert“, sagt der Experte. So sind Radfahrer und Autos für Kleinkinder eine viel größere Gefahr als für Erwachsene, die ihnen in der Regel gar nicht erst zu nahe kommen, sich im Ernstfall aber durch eine schnelle Reaktion in Sicherheit bringen können. „Diese Schutzmechanismen hat ein Kind noch nicht.“.

Kindergesundheit Hinter dem wachsenden Drang der Eltern, ihr Kind vor jedem Risiko abzuschirmen, stecke „das zunehmende Bemühen, die Dinge in den Griff zu bekommen“, vermutet Klaus Neumann. In einer Zeit, in der sich Haustechnik über Smartphones programmieren und steuern lässt, sei das absolut verständlich. „Doch Sie können nicht alles kontrollieren.“ Und wer überall potentielle Gefahren sieht, übersieht manchmal echte Bedrohungen. Es gebe sinnvolle Vorkehrungen, wie den Sicherheitsgurt im Auto, oder eben das Treppengitter, aber es gebe eben auch ein Zuviel an Schutz.

Im Extremfall nehme man dem Kind damit die Möglichkeit von Erfahrungsgewinn. „Es muss lernen, dass es sich selbst behaupten kann, und dass es mit der Umwelt umgehen kann“, sagt Neumann. „Es gilt die Regel: so viel Sicherheit wie nötig, so viel Freiraum wie möglich. An diesem Grundsatz kann man auch jegliches Sicherheitsequipment messen.“