Laien lernen auf Patientenhochschule ihren Arzt zu verstehen

Intensiv-Schwester Regina Mutzenbach (links) zeigt  Barbara Bokiniec die Technik der Wiederbelebung.
Intensiv-Schwester Regina Mutzenbach (links) zeigt Barbara Bokiniec die Technik der Wiederbelebung.
Foto: Lars Heidrich/Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
An der ersten „Patientenhochschule“ in Essen bilden sich Laien weiter. Sie möchten die Medizin, aber auch ihren Arzt verstehen lernen.

Essen.. Patienten verstehen ihre Ärzte oft nicht. Was ist los, wenn der Augenarzt sagt: „Sie haben einen Katarakt.“ Wer wissen will, was das heißt, muss nachfragen. Doch das trauen sich viele nicht. Sie gehen nach Hause, greifen zum Lexikon oder holen sich Hilfe im Internet: Aha, „grauer Star“. Warum nicht gleich so? Weil das Ärztelatein zum Doktor gehört wie der weiße Kittel.

Die Essener Katholischen Kliniken haben ein Rezept gegen das Nicht-Verstehen: In der „Patientenhochschule“, die „deutschlandweit als nahezu einzigartig gilt“, wird aus dem Laien der „mündige Patient“, wirbt die Klinik. „Die Medizin wird ja immer komplizierter“, sagt Dr. Horst Gerhard.

Zur Erklärung braucht es viel Latein

Der Chef der Neurologie ist ein gemütlicher Herr, der am ersten Vorlesungsabend die etwa 70 Teilnehmer im Keller des Borbecker Philippusstifts begrüßt. Der „Hörsaal“ ist restlos gefüllt. Dr. Gerhard spricht von „riesigem Andrang“. Er kann es ja verstehen. Selbst ihm als Arzt sei es schon mal so gegangen, dass er als Patient vor lauter Fach-Chinesisch in die Röhre geguckt habe.

So offen ist längst nicht jeder hier. Wie an einer Uni eben hält man sich erst einmal zurück. Und ist bemüht, mit dem dozierenden Doktor mitzuhalten. Das „Herz“ steht heute auf dem Stundenplan. Für Dr. Rhyan Urbien Routine: Herzklappen, Herzkranzgefäße, Herzkatheter – die Begriffe und viel Latein fliegen durch den Raum. Bypass und Arterien sind hier scheinbar keine Fremdwörter.

Gesundheit Patienten wollen gewappnet sein

„Die setzen ganz schön viel voraus“, sagt eine Ex-Rektorin aus Essen. Neben ihr schüttelt eine Frau den Kopf. Sie kommt „gut mit“ und bereitet sich schon innerlich auf die Prüfung vor. 15 Vorträge oder Kurse müssen besucht werden, vier medizinische und drei chirurgische. Sie will sich noch viele Infos über die Kurse aus dem Internet besorgen. Die „Regelstudienzeit“ liegt bei zwei Jahren, sie will schneller sein.

Weiterbildung, Selbstverwirklichung – solche Motive sind es zum Teil, die die Leute zwischen fünfzig und siebzig in den Hörsaal treiben. Aber vor allem ist es die Angst, „wie der Ochs vorm Berg zu stehen“, sagt eine Frau, die gewappnet sein will, wenn ihr Mann zum Pflegefall wird. „Man gerät dann ja von jetzt auf gleich in die Maschinerie der Medizin.“ Ihre Freundin mache gerade solche Erfahrungen. „Die weiß nicht, was eigentlich los ist mit ihrem Mann.“

Kranke verhandeln selten auf Augenhöhe

Auch Andrea Kammrath (56) will, dass ihr nie mehr so etwas passiert wie damals, als ihre Tochter sich am Finger verletzt hatte. „Der Arzt konnte mir einfach nicht erklären, ob der Finger nun gebrochen war oder nicht.“ Sie habe sich absolut hilflos gefühlt.

So ähnlich geht es vielen. Immerhin erhalten Patientenschützer in NRW etwa 14 500 Beschwerden pro Jahr: Kaum ein Kranker verhandelt mit Ärzten auf Augenhöhe, heißt es. Viele wüssten gar nicht, warum sie operiert würden. Unverständlich zu sein, ist nicht nur unhöflich, sondern auch gefährlich. Wer nicht weiß, warum er die Pillen nehmen soll, nehme sie gar nicht oder viel zu oft. Oder sitzt im Sofa, obwohl er Sport treiben muss. Oder geht auf Kreuzfahrt, obwohl er in die Reha soll.

"Zertfikat für Fachchinesisch"

Karl Eckholt (61) aus Mülheim will Fehler dieser Art unbedingt vermeiden. Zwar ist er selbst topfit, aber sein Onkel erlitt einen Schlaganfall. „Was ist für ihn gut? Welche Medikation braucht er?“ Es blicke kaum einer bei den Tabletten durch. Eckholt will nicht, dass der Onkel Opfer von Missverständnissen wird. Klingt überzeugend, wer wollte da etwas gegen haben?

Der Dortmunder Patientenschützer Eugen Brysch zum Beispiel. Er spricht von „verkehrter Welt: „Der Patient besucht eine ,Hochschule’ und bekommt dann ein Zertifikat, um das medizinische Fachchinesisch zu verstehen. Das kann nicht der Weg zum mündigen Patienten sein. Verantwortlich dafür, dass der Arzt verstanden wird, ist er zu allererst selbst. Er ist Dienstleister.“

Ganz normaler Uni-Alltag

Ferdinand Gaza (66) sieht das ganz anders. Er will „Partner des Arztes“ werden. Es gebe eben auch die Pflicht des Einzelnen, sich selbst zu informieren. Und außerdem sei Medizin sein Hobby.

Nach zwei Stunden „Herz“ ist die Luft im Keller dick. Aber das spürt hier keiner. In der Übungsecke fliegen die Fäuste mit Karacho auf eine Gummipuppe – es wird kräftig wiederbelebt. Dr. Urbien, der Herz-Erklärer, ist derweil beim „Cholesterin“ angelangt. Ein Student um die siebzig ruft dazwischen: „Beim Cholesterin gibt es ja das gute und das schlechte.“ Irgendwo raunt jemand „Besserwisser“. Ganz normaler Uni-Alltag also.