Die Photokina 2012 unter Smartphone-Einfluss - eine Revolution am Rande

Die Photokina 2012 steht ganz unter dem Einfluss von Smartphones, obwohl es nur wenige von ihnen zu sehen gibt. HTC zeigt unter anderem sein neues Smartphone mit Windows 8-Betriebssystem.
Die Photokina 2012 steht ganz unter dem Einfluss von Smartphones, obwohl es nur wenige von ihnen zu sehen gibt. HTC zeigt unter anderem sein neues Smartphone mit Windows 8-Betriebssystem.
Foto: dapd
Was wir bereits wissen
Smartphones gibt's auf der Photokina 2012 nur am Rande zu sehen. Doch die Fotomesse, die noch bis Sonntag in Köln läuft, steht ganz unter dem Einfluss der Mobiltelefone. Die qualifizieren sich immer mehr als Immer-Dabei-Kamera. Große Ansprüche ans Bild aber erfüllen - noch - andere.

Köln.. Sie haben Dschungel aufgebaut, Billard-Salons, sie setzen Models in Szene, lassen Artisten Kunststücke vorführen oder parken einen edlen Sportwagen an ihrem Stand – die Aussteller auf der aktuellen Photokina-Messe in Köln fahren eine Menge auf, um den Besuchern der weltgrößten Fotomesse Bilderfutter zu liefern. Über 1100 Aussteller verteilt auf sieben Messehallen zeigen noch bis diesen Sonntag ihre Produkte. Was bei der Fülle des Angebots im Fotobereich auf den ersten Blick nicht auffällt: Die Schau steht ganz unter dem Einfluss des Smartphone-Booms. Dabei gibt es nur wenige Smartphones auf der Messe zu sehen.

Gemessen an Art und Größe des Auftritts macht sich der finnischen Mobilfunkriese Nokia in Messehalle 2.1 fast unsichtbar: Ein Stehtisch, ein Monitor, daneben ein einsamer Entwicklungsingenieur der vier Handys verschiedener Marken und eine handvoll Elektronik-Bauteile präsentiert. In der Tat ist Nokia nur ein Messegast in einer Ecke vom Stand des deutschen Optik-Spezialisten Carl Zeiss. Doch was Nokia dort vorführt, stellt andere Fotohandys in den Schatten.

Nokia zeigt Smartphone-Kamera mit Verwacklungsschutz

Was Nokia „Pure View“-Technik nennt und in seine aktuellen Lumia-Smartphones eingebaut hat, lässt sogar so manche Kompaktkamera überflüssig werden: Nokia präsentiert das erste Mobiltelefon, das eine Kamera mit optischem Bildstabilisator hat. Und eine enorm lichtstarke Optik – alles entwickelt bei Carl Zeiss.

"Die beste Kamera ist die, die man dabei hat" sagt Ari Partinen am besagten Nokia-Stehtisch. Bis dato sind Fotohandys aber kaum bei schlechten Lichtverhältnisse zu nutzen. Zum Beiweis hält der Nokia-Mann ein iPhone 4S und ein Samsung Galaxy SIII in eine dunkle Box und drückt auf den Auslöser (jeweils ohne zu blitzen). Was in der Box steckt, ist bei beiden kaum zu erkennen. Die gleich Situation mit dem Lumia 920 zeigt: im dunklen Kasten sind eine kleine Vase mit Blume und verschiedene Nokia-Handykartons. Alles scharf, klar erkennbar und ohne sichtbares Bild-Rauschen abgelichtet.

Smartphone-Fotos in der Qualität einer Spiegelreflexkamera? "Denkbar ist vieles"

„Wir gehen technisch an die Grenze, was derzeit machbar ist, aber das heißt nicht, dass nicht noch mehr machbar wäre“, sagt Zeiss-Produktmanager Oliver Schindelbeck und zeigt ein metallenes Kästchen, das gerade mal so groß ist wie ein Manschettenknopf: „Da steckt die komplette Optik drin von der Kamera bis zum Sensor“ - wie sie im Nokia-Modell Lumia 920 verbaut ist.

Schindelbeck glaubt, dass die Grenzen der Technik noch nicht erreicht sind, selbst wenn sich eine Minikamera in dieser Bauart, deren Objektivlinse kaum größer ist als die Spitze eines Kugelschreibers, wohl kaum noch wesentlich verkleinern ließe. Doch dass ein Smartphone sogar mal Fotos in der Qualität einer digitalen Spiegelreflexkamera liefern kann, davon ist Schindelbeck überzeugt: "Denkbar ist vieles".

Smartphone-Optik stößt noch lange nicht an Grenzen

„Vieles lässt sich mit Software machen“, glaubt der Zeiss-Projektmanager. „Intelligente Algorithmen“, etwa, könnten künftig sämtliche Schärfe-Informationen in die Bilddaten übertragen, so dass sich per Software noch im Handy Fotos erstellen lassen, in denen Schärfe und Unschärfe variieren, also ein „Bokeh“-Effekt erzielt wird. Da scheitern auch moderen Kompaktkameras, weil deren Sensoren schlicht zu klein sind. Und mit Blick auf die Prozessoren sind Smartphones den bisherigen Kompaktkameras "schon jetzt überlegen", sagt Schindelbeck.

Der taiwanesische Handyhersteller HTC ist erstmals auf der Photokina zu Gast. Ebenfalls mehr so am Rande einer der Hallen, aber ganz mit dem Fokus auf die „überragende Kamera“ in den Geräten, wie HTC auf seine Standwände hat drucken lassen. Die Handy etwa im HTC one glänze unter anderem mit Auslöseverzögerungen, wie sie noch vor wenigen Jahren auch digitalen Spiegelreflexkameras gut zu Gesicht standen: in 0,7 Sekunden Aufnahme-fertig, dazu Serienbild-Funktion, die ein Dauerfeuer von bis zu 99 Bildern zulässt, bei voller Auflösung von 8 Megapixeln und im RAW-Format aufgenommen. Zudem kann man Videos drehen und währenddessen einzelne Fotos schießen. Gleichzeitig. Wozu? „Um keinen Moment zu verpassen, den man fotografieren möchte“, lächelt die HTC-Repräsentantin. „Meine alte Kompaktkamera“, sagt sie noch, „nutze ich nicht mehr“.

13 Millionen Megapixel – Rekordwert bei Smartphone-Sensoren

Auch Sony stellt auf der Photokina erstmals Smartphones aus, die zwar seit Jahren zur Produktpalette des japanischen Unterhaltungselektronik-Konzerns gehören. Aber erst jetzt ist auch die Kameratechnik so gereift, dass man sie auf der Photokina präsentiert. Allerdings: Sony hatte sie die ersten drei Messetage "irgendwo im Keller" versteckt, wie ein Mitarbeiter sagt. Nun sind am Rand des Stands in Halle 5.2 zwei Stehtische zu sehen, darauf ein halbes Dutzend Geräte der jüngsten Xperia-Reihe, die den bis dato gängigen Spitzenwert bei den Sensorleisung von Kamerahandys (12 MP, gehalten von Nokia) überbieten: 13 Millionen Pixel auf einer Fläche, die gerade mal so winzig ist wie ein Babyfingernagel.

Photokina 2012 Da hat die Physik in punkto Lichtverarbeitung allerdings Grenzen, was man bei Sony aber nicht als problematisch ansieht. Der herkömmliche Smartphone-Nutzer lege auf andere Qualitäten wert: Er will Fotos rasch mit anderen teilen, etwa auf Facebook stellen oder per WLAN auf den digitalen Bilderrahmen überspielen, auf den PC, auf's Tablet, in die Cloud – wohin auch immer: geht jedenfalls alles, sagt Sony. Und die Bildqualität? Der Handy-Berater schwärmt. Ein paar Meter weiter am Sony-Kompaktkamerabereich sagt man zum Thema Smartphones im Generellen etwas anderes: "Wenn Sie den digitalen Zoom bei Smartphones nutzen, sind Kompaktkameras den Handys nach wie vor überlegen". Vorausgesetzt sie haben einen optischen Zoom.

Fotos teilen - das Prinzip Smartphone greift bei Fotoapparaten um sich

90 Prozent aller Fotos, die in der Welt geschossen werden, sind mit einem Smartphone gemacht. So sagt es die Marktforschung. Wenn das Sprichtwort wahr ist und ein Bild mehr als Tausend Worte sagt, dann ist die Welt von Dauergeschnatter erfüllt. Myriaden von Fotos kursieren im Internet. Studien besagen, dass alleine auf Facebook pro Tag drei Millionen Fotos hochgeladen werden. Und bei Flickr sollen es 3000 Bilder pro Sekunde sein.

Die Zahlen dürften steigen, weil die Kamera-Hersteller nun selbst digitalen Spiegelreflexkameras einen Internet-Anschluss verpassen, auf dass Fotos rasch im Netz "geteilt" werden können: Canon tut das etwa bei seiner jüngsten Vollformat-DSLR 6D. Samsung und Panasonic zeigen auf der Photokina gleich mehrere Baureihen, die sozusagen das Prinzip Smartphone verinnerlicht haben und gar durch Apps aufgewertet werden können. Selbst der Foto-Buch-Pionier Cewe ist auf den Smartphone-Zug gesprungen – wer aus seinen Urlaubsfotos künftig eine Fotobuch erstellt, kann darin auch Videos einbinden – sie werden per QR-Code ausgelesen.

Konkurrenz mit Telefonläden? Der Fotohandel gibt sich offensiv

Smartphones werden sich aus dem Fotomarkt kaum mehr wegdenken lassen. Noch hoffen die großen Kamera-Hersteller, die nicht auch Handys produzieren – wie etwa Nikon, Canon oder Pentax/Ricoh - dass dies nicht ihr Nachteil sein wird. Alle setzen auf neue Segmente, Spiegellose Wechseloptik-Systeme hat mittlerweile sogar Canon (der Pionier war vor vier Jahren Panasonic) im Programm. Und auch Pentax - jüngst mit Ricoh fusioniert aber in Deutschland nach wie vor ein Nischenproduzent, kommt wie Fuji mit Retro-Modellen auf den Markt, die vor allem eines sind: so hochwertig wirkend, dass Kunden dafür mehr Geld ausgeben als für eine leistungsähnliche Kompaktkamera.

Und der Fotohandel? Gibt sich offensiv: Man fürchte sich nicht vor dem Wettbewerb mit den Telefonläden, heißt es in offiziellen Erklärungen. Wenn von den weltweit 1,5 Milliarden Käufern von Smartphones in diesem Jahr nur jeder 100. Spaß am Fotografieren damit entwickelt, aber mehr mit einem Fotoapparat machen möchte, als das Smartphone kann, „dann wächst der internationale Kameramarkt um zehn Prozent“. So hat es Werner Schneider vorgerechnet, Einkaufsleiter beim europaweit tätigen Fotoverbund Ringfoto.

Die Kamera für alle Zwecke hat auch die Photokina 2012 nicht zu bieten

Ob Kompakt- oder "Bridge"-Kamera, Spiegelloses Wechselobjektiv- oder DSLR-System: Das Angebot an Fotoapparaten ist gewachsen, wie bisher noch bei jeder Photokina. Doch für 'Otto-Normal-Knipser" findet sich auch im Jahr 2012 nicht "das" Modell, das sich für alle Situationen und Motive super eignet. Nicht umsonst ist es Praxis im - guten - Fotohandel, Kamera-Interessenten erstmal zu fragen: "Was wollen Sie denn fotografieren?" Demgegenüber steht die Erkenntnis, dass jede noch so gute Kamera eine schlechte Kamera ist, wenn man sie nicht dabei hat. Smartphone-Eigner sind deshalb grundsätzlich im Vorteil: Sie haben in der Regel ihre Kamera dabei, die ist schließlich Standard im Internet-Mobiltelefon. Aber müssen Smartphones tatsächlich alles können? Wollen Smartphone-Fotografierer tatsächlich die fotografischen Grenzen ihrer Handys ausreizen?

Wer Ansprüche an höchste Bildqualität hat und Fotos erstellen will, die in punkto Kontrast, Schärfe, Farben und Konturen keine – so gut wie keine – Wünsche offen lassen, wird letztlich nur im High-End-Bereich das Passende finden - und da sind Smartphones definitiv noch nicht konkurrenzfähig. Was in punkto Fotografieren technisch das Optimum ist – auch da gibt die Photokina 2012 spannenden Einblicke. Am Stand der Schweizer Kamera-Edel-Schmiede Alpa jedenfalls hat man eine eigene Vorstellung davon, was Perfektion ist, erklärt Firmenchef Thomas Weber-Capaul: "Die perfekte Kamera gibt es nicht", sagt Weber-Capaul: "Aber die perfekte Kamera für das jeweilige Einsatzgebiet".

High-End-Fotografie: Wenn ein Fotoapparat 100.000 Euro kostet

Alpa hat Fotoapparate entwickelt, deren Bestandteile vom Objektiv, über das Gehäuse bis zum Film-Magazin bzw. Sensor in einem Baukasten flexibel kombinierbar sind – mit den Produkten aller namhaften Hersteller im High-End-Sektor. So kann die Kamera auf jedes Einsatzgebiet gezielt ausgerichtet werden. Und die Komponenten sind so genau aufeinander abgestimmt, dass Fotografen damit etwa Schärfe auf den Millimeter genau setzen können. Das hat seinen Preis und mit Schnappschüssen in der Regel nichts zu tun. Um die 10.000 Euro muss man für den Einstieg ansetzen. „Der Preis lässt sich auf bis zu 100.000 Euro steigern“, sagt Thomas Weber-Capaul.

Alpa-Kameras sind klobige, klotzige Geräte mit Einstellrädchen, wie man sie vielleicht an optischer Vermessungstechnik vermutet, nicht aber an herkömmlichen Fotoapparaten kennt; man kann Alpa-Kameras mit aufgesetztem Sucher ordern oder mit massiven seitlichen Holzgriffen. Man kann analog damit fotografieren oder digital. Und man kann verschiedene Sensor-Elemente anschließen, bis hin zur halben Bierdeckelgröße mit 80 Megapixeln. Da kostet dann alleine solch ein Teil den Gegenwert eines deutschen Mittelklassewagens.

"Es wird auf lange Sicht nur noch zwei Fotosegmente geben"

Das ist nur was für Profis. Oder Menschen, die beim Fotografieren keine Kompromisse eingehen wollen. Und sich das leisten können. Groß-Fotokünstler wie Andreas Gursky oder Candida Höfer jedenfalls „haben auch eine Alpa“, sagt Firmenchef Weber-Capaul nicht ohne Stolz. Wann man eine Alpa einsetzt? Bei Landschaftsaufnahmen die bis ins Detail begeistern sollen, zum Beispiel. Oder in der Architektur-Fotografie: wenn Gebäudelinien auf dem Bild nicht kippen sollen oder stürzen dürfen, wenn eine Fotografie perfekt austariert werden soll in allen Aspekten, die das Auge sonst stören könnten – das kann keine Kompaktkamera, keine DSLR und schon gar kein Smartphone.

Weber-Capaul sieht mit Blick auf die Entwicklung in der Fotobranche jedenfalls eine Art Revolution nahen: "Es wird auf lange Sicht nur noch zwei Fotosegmente geben", glaubt er: "Smartphones und den High-End-Bereich". Wobei: Smartphones sind auch bei Alpa inzwischen angekommen. Das iPhone, heißt es im Produktkatalog, „kann als Sucher verwendet werden“.