Zwischen Schuld und Vertuschung

Wenden..  Ein Priester missbraucht Kinder. Der Film „Verfehlung“ handelt von Schuld und Vertuschung in der katholischen Kirche. Gedreht hat ihn ein Insider, ein Theologe: der Regisseur Gerd Schneider aus Wenden-Gerlingen. Sein Thema ist die Frage, wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen für den Umgang mit Missbrauch und wie der Korpsgeist in der Kirche das verhindert.

Das Kino-Debüt des 41-Jährigen findet in den Medien ein großes Echo und ist mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet worden. Der Film läuft in 19 deutschen Kinos, unter anderem in Köln.

Im Gewissenskonflikt

Die drei Freunde Jakob (Sebastian Blomberg), Dominik (Kai Schumann) und Oliver (Jan Messutat) sind Priester, die etwas bewegen wollen. Dann wird Dominik beschuldigt, einen Jungen missbraucht zu haben. Er leugnet alles, beichtet die Tat aber später Jakob, der seinem Freund zunächst solidarisch zur Seite steht, dann aber Zweifel bekommt. Dominik landet in Untersuchungshaft, und zwar in dem Gefängnis, in dem Jakob arbeitet. Dort wird er selbst zum Opfer, als die Mithäftlinge ihn als Kinderschänder verprügeln. Der Gefängnisseelsorger Jakob stellt eigene Nachforschungen an und gewinnt dabei erschütternde Erkenntnisse.

Oliver wiederum vertritt die Amtskirche, die nur darum bemüht ist, durch taktisches Vorgehen und das Einsetzen ihrer Macht zu verhindern, dass der Fall vor Gericht kommt. Alles soll kirchenintern geregelt werden. Jakob ist darüber empört und zerrissen. Er weiß nicht, ob er den Anordnungen der Kirche folgen soll oder seinem Gewissen, was ihn seine Existenz kosten wird.

Der 1974 in Gerlingen geborene Gerd Schneider wuchs in einem katholisch geprägten Elternhaus auf und durchlebte, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung ausführte, in der Kirchengemeinde eine „typische Karriere mit Ministrantendienst nach der Erstkommunion“. Nachdem er in Olpe sein Abitur ­gemacht hatte, studierte Gerd Schneider in Bonn und Wien katholische Theologie und war auch Priesteramtskandidat.

Das Ziel, Priester zu werden, gab Schneider allerdings auf. Stattdessen begann er nach seinem Abschluss als Diplom-Theologe ein ­Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg. Nach zwei Kurz-Spielfilmen schrieb er nun das Drehbuch zu dem Drama „Verfehlung“, sein Spielfilmdebüt, bei dem er auch Regie führte. Der Film läuft seit Ende März.

Hinter vorgehaltener Hand

Schneider lebt und arbeitet in Stuttgart, hält aber engen Kontakt zu seiner Familie und nach Gerlingen. Einen konkreten Anlass habe es nicht gegeben, „Verfehlung“ zu ­drehen. Vor sieben Jahren begann Schneider mit den Recherchen zu seinem Film. Damals interessierte das Thema sexueller Missbrauch noch keinen. Er habe das Gefühl gehabt, „dass diese Dinge, über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, ­geschehen. Wir schleppen seit Jahrzehnten ein offenes Geheimnis mit uns herum“.

Dem gläubigen Katholiken geht es nicht um eine Abrechnung mit der Amtskirche, in der der Wahlspruch gegolten habe: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“ Es gebe noch viele Dinge, „die aufgearbeitet werden müssen“, sagt Gerd Schneider. „Papst Franziskus ist da der richtige Mann an der richtigen Stelle“.

Auf Kinotour

Derzeit sucht Schneider den ­direkten Kontakt zu seinem Publikum. Er ist auf Kinotour und spricht mit den Besuchern. Vielleicht ist es die differenzierte und eindringliche Erzählweise des Regisseurs, die dazu führt, dass Zuschauer ihm erzählen, sie seien „total fasziniert“ von seinem Film, der sie berühre und lange in ihnen nachhalle. Gerd Schneider: „Alleine deshalb ist er ein großer Erfolg.“

Kommerziell ist der Erfolg überschaubar, denn Gerd Schneider weiß: „Das deutsche Kinopublikum will Komödien sehen.“ Trotzdem war es nicht allzu schwer, den Film zu finanzieren. „Dazu braucht man Partner, die an die Geschichte glauben“, so der Filmemacher. Die habe er bei der Filmförderung, aber auch in den Redaktionen von Arte und SWR gefunden. Dabei sei ihm neben dem aktuellen Thema zugute gekommen, dass man ihn als Insider angesehen habe.

Ein breites Publikum wird „Verfehlung“ wohl erst bei seiner Ausstrahlung im Fernsehen erreichen, doch zuvor will Gerd Schneider seinen Erstling auch in Olpe zeigen, vielleicht schon Anfang Mai, und dabei auch selber anwesend sein. „Die Gespräche laufen.“