Zwei kleine Begegnungen mit Günter Grass

Zwei Mal bin ich Günter Grass in meinem beruflichen Leben persönlich begegnet – und diese Momente hätten gar nicht gegensätzlicher sein können.

Im Dezember 2005 erlebte ich den Literaturnobelpreisträger in Lübeck als einen richtig bärbeißigen Journalistenschreck. Grass hatte gerade die Autorengruppe „Lübecker Literaturtreffen“ gegründet und hielt nun für und vor den eingeladenen Medien reichlich unwirsch Hof. „Notfalls können wir auch ohne das Feuilleton überleben, machen Sie sich endlich mit dem Gedanken vertraut“, herrschte er mich gleich zu Beginn brüsk auf eine völlig harmlose Frage an. Und legte sogleich bellend nach: „Wir, die Schriftsteller, sind das Primäre, ihr, die Journalisten, seid lediglich das Sekundäre. So wird das auch immer bleiben.“

Fünf Jahre später dann in Lüdenscheid ein ganz anderer Günter Grass. Der durchaus charmante Bruder, der seiner Schwester Waltraut zum 80. Geburtstag gratulierte. Der in der örtlichen Stadtbücherei für sie und ihre private Gratulantenschar eine launige Lesung aus seinem jüngsten Werk hielt, der lächelte, scherzte und gänzlich tiefenentspannt erschien. „Wir beide waren doch immer rote Socken, und wir haben uns doch nie den Mund verbieten lassen“, schwadronierte der hochdekorierte Schreibkünstler augenzwinkernd Richtung Schwester Waltraut, die ihrerseits merklich gerührt und dankbar zurücknickte.

An unser ziemlich kantiges Zusammentreffen in Lübeck mochte ich Günter Grass an diesem sonnigen September-Tag in Lüdenscheid feinfühlig nicht noch einmal erinnern. Schließlich hatte ich ja derbe gelernt, wer das Primäre und wer das Sekundäre ist. Und wie hatte der Meister doch noch damals so weise hinzugefügt: „Das wird auch immer so bleiben.“