Zum Valentinstag ein Loblied auf die Treue

Bis dass der Tod uns scheidet...
Bis dass der Tod uns scheidet...
Foto: imago stock&people
Was wir bereits wissen
Dies ist ein Plädoyer für freiwillige Selbstkontrolle. Für die exklusive, monogame, im Kern romantische und vom Ansatz her lebenslängliche Liebe.

Essen.. Patty und Walter Berglund leben in einem Häuschen am Stadtrand von St. Paul, Minneapolis. Sie haben zwei Kinder, sind ein perfektes Paar. Aber eines Tages gibt Patty der Verlockung nach: Sie betrügt den biederen Walter mit seinem besten Freund, dem Musiker Richard. Und Walter beginnt eine Affäre mit seiner Assistentin Lalitha.

Lebten die Berglunds in unserer realen Welt, wäre ihre gemeinsame Geschichte an dieser Stelle wohl beendet. Jonathan Franzen aber ist ein gütiger Autor. Nach Jahren des Schweigens sitzt Patty eines Tages vor Walters Tür, sie erfriert beinahe – bis er sich ihrer erbarmt. Am Ende des Romans „Freiheit” triumphiert ihre Liebe.

Ein Märchen? Sicher. Aber wäre es nicht schön: Wenn all unsere aufblühenden Liebschaften nicht bereits nach kurzer Zeit als welke Nelken auf dem Kompost landeten?

Dies ist ein Plädoyer für freiwillige Selbstkontrolle. Für die exklusive, monogame, im Kern romantische und vom An­satz her lebenslängliche Liebe. Auch wenn nichts unzeitgemäßer scheint als – Treue.

Die Liebe im Jahr 2011: Neun von zehn Deutschen halten einen Seitensprung zwar für grundsätzlich falsch, aber in der Hälfte aller Ehen kommt er vor. Wer heute heiratet, hat ein Scheidungsrisiko von 50 Prozent; jedes dritte Kind erlebt bis zu seinem 15. Lebensjahr die Trennung seiner Eltern. Ein Seitensprung-Portal (85 000 Mitglieder allein in Deutschland) hat errechnet: Das Valentins-Geschenk für die Geliebte ist Männern bis zu 100 Euro wert – das Präsent für Ehefrau höchstens 50.

Auf die Frage „Mit wie vielen Partnern würden Sie in den nächsten sechs Monaten gerne ins Bett gehen?” antworten Männer im Schnitt mit: 2,63. Frauen wünschen sich einen (0,99) Sexpartner.

Im Internet kann man für 19,99 Euro einen „Treue-Test” buchen, der Anbieter bombardiert den Partner daraufhin mit verheißungsvollen SMS.

Untreue in den Genen?

Während multinationale Handelskonzerne mit Treue-Bonus-Karten Tante Emma spielen, scheint Untreue längst die Norm, jedenfalls in der öffentlichen Wahrnehmung. Bett News is Good News: Affären sind spannender als Goldene Hochzeiten. Fernsehserien wie „Sex and the City” oder „Californication” leben eine große, polygame Party vor. Warum sollten wir heute noch treu(doof) sein?

Weil Untreue letztlich bedeutet, sich selbst zu verraten. „Man mordet das Wahr-Gewesene”, so die Philosophin Hannah Arendt, „schafft das, was man selbst mit in die Welt gebracht hat, wieder ab.”

Weil Treue das letzte große Abenteuer ist, ein willensstarker Protest auf dem Marktplatz der Möglichkeiten.

Weil die einzige Liebe, die wahr ist, die treue Liebe ist. Schreibt ein Mann! Markus Spie­ker, ARD-Fernsehredakteur, erzählt in seinem Buch, dass er die Liebe sucht, „die sich über den Moment hinaus verspricht und das Versprechen hält”. Dauer macht lustig, kalauert Spieker, aber: „Die treue Liebe wird von zwei Seiten eingeengt: einem ausufernden Kapitalismus und einem grassierenden Narzissmus. Das eine ist die Leitkultur, das andere die Leitneurose der Gegenwart.” Wer nur noch am „Ich“ herumbastelt, ist nicht mehr fähig zum „Wir“.

Aber vielleicht können wir gar nicht anders? Liegt Un­treue in den Genen? Männliche Fehltritte jedenfalls werden gerne mit biologischen Grün­den erklärt – Streuung des Erbguts. Aber auch weibliche Eskapaden könnte man so begründen: Frauen suchen Stu­dien zufolge zwar für den Alltag den „liebevollen Versorger“, auf das durchsetzungsstarke Erbgut der „kantigen Typen“ wollen sie dennoch nicht verzichten und gehen an ihren fruchtbaren Tagen tatsächlich besonders häufig fremd.

Psychotherapeut Wolfgang Krüger hingegen meint: Es seien allein „soziale und emotionale Gründe“, die zur Untreue führen. Fehlten Lebendigkeit, Verständnis, Anerkennung in der Beziehung, sei die aushäusige Suche danach nur logisch. Der Preis aber sei die Sicherheit der Beziehung: „Vieles in unserem Leben ist unsicher: der Arbeitsplatz, das Geld, das Klima. Da will man zumindest in der Partnerschaft das Gefühl haben, sich aufeinander voll verlassen zu können.“

Und wenn es gar nicht rauskommt? Es kommt raus.

Hedonismus hat seinen Preis. In Philip Roths Roman „Jedermann“ hat sich sein Held stets für das Abenteuer entschieden. Am Ende steht er allein da: „Plötzlich trieb er Nichts.“ Wäre er mal lieber treumütig gewesen.