Zollverein zeigt Ruhrgebiet von Antike bis Mittelalter

Die Sonderausstellung "Werdendes Ruhrgebiet, Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr."
Die Sonderausstellung "Werdendes Ruhrgebiet, Spätantike und Frühmittelalter an Rhein und Ruhr."
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Die Ausstellung „Werdendes Ruhrgebiet“ auf der Zeche Zollverein blickt zurück auf eine Zeit, in der Römer, Germanen und Franken das Land besiedelten.

Essen.. Als der Pott noch lange nicht kochte, hat er schon Scherben zwischen Rhein, Lippe und Ruhr hinterlassen. In Duisburg haben sie Hausrat des fränkischen Königs Chlodwig aus dem 5. Jahrhundert gefunden. Aus Paderborn kommen Dekorziegel aus der Pfalz von Karl dem Großen. Und in Essen-Werden wurden 1979 Fragmente eines frühmittelalterlichen Fußbodenmosaiks jener Benediktinerabtei ausgegraben, die Liudger 799 gründete.

Eine solche Ausstellung gab es lange nicht mehr

Archäologische Funde wie diese haben eine Ausstellung möglich gemacht, die es so bislang nicht gegeben hat. Auf Zollverein schaut man nun ins erste nachchristliche Jahrtausend, beleuchtet eine weite Spanne zwischen Spätantike und Frühmittelalter, blickt zurück auf eine Zeit, in der Römer und Germanen, Franken und Sachsen das Land besiedelten.

Ausstellung „Werdendes Ruhrgebiet“? Das Ruhrgebiet ist doch ein Produkt der Industrialisierung, eine Region, deren Geschichte und Identität aus Kohle, Eisen und Stahl zu bestehen scheint. Im Ruhr Museum auf Zollverein erzählt man nun die Vorgeschichte und reist in die „Dark Ages“, die dunklen Jahrhunderte an Rhein und Ruhr, aus denen es kaum schriftliche Zeugnisse gibt. Aber es gibt zahllose Exponate, die in fünf Kapiteln vom Leben und Arbeiten, vom Streiten und Beten der Menschen erzählen. Und von der Verklärung jenes Germanenmythos, der später von den Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde. 800 kunsthistorische Schätze von 70 Leihgebern sind nach Essen gekommen und markieren mit 100 Millionen Euro den bislang höchsten Versicherungswert einer Ausstellung im Ruhr Museum.

Dafür glänzt und schimmert es auch famos im mystischen Halbdunkel der von Bernhard Denkinger dicht bespielten Zollverein-Architektur, die der Empfindlichkeit der Exponate mit einer speziell entwickelten Lichttechnik Rechnung trägt. Wer jedes Detail nachlesen will, der muss schon nah ran oder bisweilen eine Lesehilfe zur Hand haben. Nicht alles schwebt so luftig und wirkmächtig wie das berühmte „Essener Schwert“ oder nimmt so viel Raum ein wie der Abguss eines Taufbeckens aus St. Gertrud zu Wattenscheid. Wie selbstverständlich kommt hier zusammen, was sonst selten zusammenfindet: archäologische und sakrale Schätze, spätantike Funde und mittelalterliche Schriften, Schmuck, Keramik und Reliquien, Fußfesseln, mit denen im antiken Castrop-Rauxel Sklavenhandel betrieben wurde, und der Schädel eines erschlagenen Franken.

Keine „geschichtslose“ Region mehr

Links vom Rhein die Römer mit ihrer Colonia Ulpia Traiana, dem heutigen Xanten. Auf der anderen Seite die Germanen, mit ihrer Vielzahl von Gottheiten und kleinen Dorfgemeinschaften – so fängt es an. Franken und Sachsen folgen, nicht nur in friedlicher Mission. Und Karl der Große zieht nicht nur mit Horn und Jagdmesser durchs Land, um den rechten Glauben zu verbreiten, sondern hat auch Speere und Lanzen im Gepäck.

Bergbau-Museum Aber Liudger, der spätere Bischof von Münster, den Karl zur Sachsenmission nach Werden beruft, bringt auch Kunst und Bildung an die Ruhr. 50 Jahre später entsteht das Damenstift Essen als zweites Zentrum der Hochkultur. Die Schatzkammer in Werden und der Essener Domschatz, der sich schon 2008 mit „Gold vor Schwarz“ auf Zollverein präsentierte, sind denn auch wichtige Leihgeber und Nebenstellen dieser umfassenden Schau, deren historischer Vorläufer 1956 die aufsehenerregende Ausstellung „Werdendes Abendland“ in der Villa Hügel war.

Blieb das Revier damals Randthema, eben eine eher „geschichtslose“ Region, wird der Raum von Aachen bis Paderborn, von Münster bis Köln diesmal gründlich vermessen. Das heutige Ruhrgebiet ist dabei immer auch Grenzgebiet, wo Krieg und Plünderungen, aber auch Austausch und Handel ihre Spuren hinterlassen. Mit dem Hellweg entstehen Königshöfe, Burganlagen und andere Versorgungsstationen, Vorläufer späterer Ruhrgebietsstädte wie Essen, Bochum und Unna, und legen den Grundstein für kommunale Grundstrukturen, die bis heute bestehen.