Zickenkrieg im Mädchenpensionat

Auf den Straßen von Dublin: Tana French.
Auf den Straßen von Dublin: Tana French.
Foto: Gaby Gerster
Was wir bereits wissen
Keine Seifenoper: Die Irin Tana French hat mit „Geheimer Ort“ einen großartigen Roman mit sehr hohem Spannungsfaktor geschrieben.

Essen.. St. Kilda in einem besseren Viertel von Dublin ist ein teures Internat für Mädchen, voll von dumpfem Katholizismus, Kohlgeruch und vielerlei Deodorants. Draußen drohen (oder locken) die Ersatzwelt der Shopping Mall und die Jungs vom „Colm“, dem pädagogischen Hochsicherheitstrakt für werdende Männer. Der eine oder andere hat es nachts schon über die Mauer in den Park von St. Kilda geschafft, sagt der Mythos.

Da liegt der coole Chris – tot

Drinnen sind zwei Mädchencliquen im beziehungsfähigen Alter in abgrundtiefer Verachtung verbunden. Es ist jedoch dafür gesorgt, dass wir Orla, Gemma, Alison und besonders Joanne, nach deren Pfeife die anderen „Roboter“ intrigieren, weniger sympathisch finden als Holly, Becca, Selena und Julia, die gerade einen romantischen Freundschaftsbund besiegeln. Dass dies an ihrem „Geheimen Ort“, einem versteckten Zypressenhain geschieht, lässt Schlimmes ahnen. Sind das nicht Todesbäume? Na klar, und bald schon liegt der coole Chris, schön wie Narziss, nach Überwindung der Mauer dort tot herum. Jemand hat eine Gärtnerhacke geschwungen.

Krimi Aber wer? Das wurde nie geklärt, ein „cold case“ also. Nach einem Jahr setzt Holly den jungen Detective Stephen und seine taffe Chefin Antoinette erneut auf die Spur. Das dauert zwei Tage und siebenhundert Seiten lang und ergibt drei verschiedene und zugleich verschmolzene Geschichten.

Erstens einen perfekten Rätselkrimi, in dem „es“ am Ende die unauffälligste Person unter den Verdächtigen „war“! Zweitens eine faszinierende Milieu- und Mentalitätsstudie, von der bigotten Erziehungsdoktrin übers irische Neureichentum bis zum „teen­speak“ der Mädels, vom Übersetzerpaar treffsicher verdeutscht: „Oohmeingòtt!“

Und schließlich eine mythische Geschichte, fast eine Tragödie alter Art: Von der Macht des Eros, von tragischer Verkennung, die das Gute will und doch das Böse schafft, von schicksalhaften Verkettungen, die niemand ohne Beschädigung und ohne Schuld übersteht. Wir werden uns lange noch fragen, was aus Holly, Rebecca, Julia und Selena geworden ist oder überhaupt noch werden kann. – Besser als hier ist das kaum zu machen!

Frau French ist weit in der Welt herum gekommen und war dann 15 Jahre lang Schauspielerin in Dublin. Beides hat ihr offenbar sehr geholfen, als sie spaßeshalber und ganz autodidaktisch zum Schreiben kam. Inzwischen gibt es fünf Romane mit wechselnden Ermittlerfiguren aus der Dubliner Mordkommission, ein jeder besser als der vorige. Sehr viel Luft nach oben ist da gar nicht mehr.

Tana French: Geheimer Ort. Scherz Verlag, 704 S., 14,99 €