Zensur? Nicht bei uns!

In der S-Bahn begegne ich einem Kirchentagsteilnehmer aus Peru. Er erkennt sofort meine Presse-Akkreditierung, die mir am Schlüsselband um den Hals baumelt, überlegt kurz und wagt dann eine etwas ungewöhnliche Drei-Wort-Frage: „Journalist? Kirchentag? Zensur?“ In seiner Stimme meine ich, eine Mischung aus Argwohn, Respekt und Mitleid zu hören.

Ich selbst fühle mich ein wenig überrumpelt, zumindest verwundert. Zensur? Mit dieser schwerwiegenden Vokabel bin ich noch nie konfrontiert worden. Also reagiere ich mit einem ebenso beschwichtigenden wie selbstbewussten „Nein, nein, ich darf hier alles schreiben, keine Sorge wirklich.“ Doch zugleich sehe ich den tiefen Zweifel in seinem Blick.

„Zensur gibt es doch überall“, antwortet der Peruaner. „Natürlich gerade auch bei uns, aber in Mexiko ist es wirklich am schlimmsten“, fügt er hinzu und benennt schnell noch eine ganze Reihe mysteriöser Morde dort an Journalisten. Mag sein, dass meine südamerikanische Zufallsbekanntschaft an Gott glaubt, an die Pressefreiheit in Deutschland aber ganz sicher nicht. Eine Station vor mir steigt er aus. Wir lächeln uns beide noch einmal wissend zu. Jeder wohl mit seiner eigenen Wahrheit im Blick.