Zausel mit spitzer Zunge
05.08.2008 | 16:44 Uhr 2008-08-05T16:44:00+0200
Am meisten, so sagt er, „rege ich mich über Dummheit auf, die sich wichtig nimmt“. Und so sind die dummdreisten Absurditäten der Republik eine wahre Steilvorlage für Urban Priol – als Gastgeber der ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ (Schnitt: 2,7 Mio. Zuschauer) und auch auf der Livebühne.
Frank Grieger sprach mit dem 46-jährigen Hessen, der bald auch wieder unsere Region ins kabarettistische Kreuzfeuer nimmt.
Lieber Herr Priol, mal unter uns: Wie gut verstehen Sie sich eigentlich mit Ihrem Friseur?
Priol: (lacht) Sehr gut. Vor TV-Sendungen macht mir aber die Maske in der Garderobe die Haare.
Gibt es ein Spezialrezept? Pomade? Dreiwettertaft? Stromstöße?
Priol: Nö. Einfach ein Frottee-Handtuch, damit die statische Aufladung stimmt, und dann ein bisschen Haarspray.
Im Ernst: Wie kam es zu diesem Markenzeichen?
Priol: Erst mal steht das für das Zerrissene in mir und das Wirre in der Welt. Dazu gekommen bin ich Anfang der 90er Jahre bei einem Auftritt für die IG Metall. Da musste ich mich binnen einer Minute von einem öligen Gewerkschaftsfunktionär in einen durchgeknallten Moderator verwandeln. Da blieb mir nichts anderes übrig, als ein Sakko überzuziehen und einmal mit dem Handtuch durch die Haare zu gehen.
Sehenswert sind ja auch Ihre Hemden.
Priol: Die Welt ist doch grau genug, da muss man mit e bisi Bunt gegensteuern.
Lassen Sie uns über gehaltvollere Dinge reden. Politisches Kabarett, das ja Ihr Metier ist, wird abwechselnd totgesagt und dann wieder hochgejazzt.
Priol: Oh ja, seit es das politische Kabarett gibt, seit über 100 Jahren.
Wo steht Ihre Zunft denn im Moment?
Priol: Ach, wir sind quicklebendig. Bedenklich stimmt mich nur, dass wir fast so etwas wie eine Ersatz-Opposition geworden sind. Nach den Auftritten sagen viele: „So was bräucht’s mal in der Politik.“ Da kann ich nur sagen: Langsam, langsam! Wir waren immer nur da, um die aktive Politik zu kommentieren. Und nicht, um sie zu machen.
Hätten Sie nicht doch mal Lust? Wo es schon Schauspieler zum US-Präsidenten und Taxifahrer zum Bundesaußenminister gebracht haben?
Priol: Ach, der Reiz ist schon da. Es würde mir aber reichen, wenn ich einmal im Monat direkt hinterher die Bundestagsdebatten zusammenfassen und kommentieren könnte.
Wenn Sie unsere Zeit mit einem einzigen Attribut umschreiben sollten: Was würde Ihnen am ehesten einfallen?
Priol: Immer öfter: erbärmlich.
Das klingt fast ein bisschen bitter. Hat unsere Gesellschaft die Politiker, die sie verdient?
Priol: Ja, ich glaube schon. Egal, um welche Debatten es geht – Spritpreise, Energiekosten usw.: In anderen Ländern wird da mobil gemacht. Da wird der Wiener Ring gesperrt, in Bulgarien oder Spanien geht’s richtig zur Sache. Und bei uns fahren die Trucker auf einen Autohof, um dort zu demonstrieren. Da ist wie früher mit dem Revolutionär, der erst die Bahnsteigkarte löst, bevor er protestieren geht.
Welches sind aktuell Ihre Lieblingsfeinde?
Priol: Die Einluller. Die Schönredner. Vorneweg die höchsten Repräsentanten der Republik: Präsident und Kanzlerin.
Sie haben ein ausgefallenes Hobby: Oldtimerrallyes. Sie besitzen auch einen fast 50 Jahre alten Benz.
Priol: Ja! Ich fahre damit auch zu den Auftritten. Sehr entspannt! Es entspricht meinem Grundsatz, Sachen so lange wie möglich zu bewahren. Auch wenn’s der aktuellen Wirtschaftsdiskussion – noch ’n Hybridfahrzeug und so - völlig zuwider läuft. Ein Auto verbraucht ja auch bei der Herstellung Energie. Da sollte man doch die Rohstoffe schonen, indem man alte Sachen so lange wie möglich erhält.
Wieviel verbraucht das gute Stück?
Priol: Ach, so acht Liter Diesel. Da sieht man doch mal, wie vehement die technische Entwicklung in 50 Jahren vorangeschritten ist (lacht).
Alte Autos, Werte bewahren: Spricht daraus die Sehnsucht nach der guten, alten Zeit, in der Politiker noch Hornbrillen hatten und dicke Zigarren geraucht haben?
Priol: Kann sein. Das, womit man groß wird, prägt einen natürlich am meisten. Wenn man sich die alten Debatten anguckt: Da war noch Feuer drin, Wehner gegen Strauß und so. Und heute haben wir einen Pofalla gegen einen Herrn Heil. Ziemlich öde...
Sie sind mit dem Programm „Tür zu“ unterwegs – seit 2006.
Urban Priol live mit „Tür zu”: 3.9., Stadthalle Wattenscheid (20€); 4.9. Ebertbad Oberhausen (ausverk.); 5.9. Dorsten (Realschule St. Ursula, Tickets: 02362 / 66 40 52); 15.11. Siegerlandhalle Siegen (21,60-28,30€), 4.2.09 Stadthalle Mülheim (22-28€). Karten – außer Dorsten – in unseren TICKET-SHOPs, Tel. 01805 / 280 123.
Mit dem Programm „Tilt – Der etwas andere Jahresrückblick“ gastiert er außerdem in Düsseldorf (13.1.), Hagen (14.1.) und Recklinghausen (16.1.).
Priol: Ja, die Rahmenhandlung ist noch da. Aber der Rest ist runderneuert. Das wird ständig fortgeschrieben. Zum Beispiel haben wir jetzt die Kaffeefahrten im Programm. Unglaublich: Nach soviel Jahren kommen die Leute drauf, dass man bei Kaffeefahrten beschissen wird! Dabei ist das doch ein deutsches Phänomen: Aus Dankbarkeit, dass der Bus doch ohne Bremsversagen angekommen ist, kauft man eine Lamafelldecke. Das entbehrt nicht eines gewissen Reizes.
Ab Ende 2008 gibt’s wieder Ihren etwas anderen Jahresrückblick „Tilt!“. Welche Themen sind denn schon gesetzt?
Priol: Oh – die U-Bahn-Schläger. Und wie Roland Koch versucht hat, das alles schön für den Wahlkampf auszuschlachten – was ihm die entscheidenden 0,1 Prozent gebracht hat. Ach, ich könnte jetzt schon vier Stunden Jahresrückblick machen: die Obama-Manie, Sarkozy, Irland und Europa, der Klimaschutz, der gleich wieder der Industrie geopfert wurde...
Und was wäre die Schlagzeile, die Sie beim Rückblick 2008 am liebsten lesen würden?
Priol: (denkt nach) „Mindestlöhne eingeführt“ – und: „Deutsche fordern Tempolimit auf Autobahnen.“
Zum Schluss bitte noch einen praktischen Rat für den Alltag.
Priol: Äh – Keine Angst vor Obrigkeiten! Und wenn uns unsere Angestellten in Ämtern, Behörden und der Regierung wieder ärgern: kräftig zurückärgern!
07:20
Urban Priol ist kein Hesse, sondern kommt aus Aschaffenburgs Osten. Wenn schon, dann sind wir Beute-Bayern oder Mainzer. Aber Gott sei Dank keine Hessen.
Tut mir leid, aber da treten Sie allen Menschen vom Untermain auf die Füße, wenn Sie Herrn Priol als Hessen verleumden.