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Yallah! Kiezdeutsch breitet sich in den Städten aus

27.01.2012 | 14:26 Uhr
Yallah! Kiezdeutsch breitet sich in den Städten aus
Nicht immer Duden-konform, aber immer beliebter: Kiezdeutsch breitet sich aus.

Berlin.  Der Slang von Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten ist bundesweit auf dem Vormarsch. Eine Wissenschaftlerin plädiert dafür, die neu entstandene Sprache ernst zu nehmen und als Dialekt anzuerkennen und sagt: Kiezdeutsch ist sehr logisch. Ihr Standpunkt ist allerdings heftig umstritten.

Sharon Wendzich ist 18 Jahre alt und bestimmt nicht auf den Mund gefallen, aber eines Tages blieb sie einfach nur sprachlos auf der Straße stehen. Sie redete gerade mit ihren Freunden, als ein älteres Ehepaar auf sie zukam und einer der beiden Senioren fragte: "Wie sprecht ihr Jugendlichen eigentlich heutzutage?" Viele Monate ist das schon her und nun sitzt Sharon in der Bibliothek der Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin-Kreuzberg und erzählt diese Anekdote, während neben ihr die Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese ein Bein über das andere schlägt und verständnisvoll nickt.

Seit den 90er Jahren erforscht Wiese "Kiezdeutsch" - den Slang der Jugendlichen in den Multikulti-Vierteln deutscher Städte. Arabisch klingende Worte wie "yallah" ("Auf geht's!") gehören in diesen Gegenden zum Wortschatz selbst deutschstämmiger Jugendlicher. Und der Satz "Gestern war ich Schule" wird allgemein als richtig anerkannt. Am 16. Februar bringt Wiese ihr Buch "Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht" auf den Markt, um einer breiten Öffentlichkeit den Jargon der jungen Generation zu erklären.

Wiese erhält regelmäßig Drohungen von Kritikern

Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese verteidigt Jugendsprache "Kiezdeutsch" (dapd)

Wiese stellt sich auf erboste Reaktionen ein - denn der Jugendslang ist ein hochemotionales Thema. Immer, wenn über ihr Thema etwas in den Medien erscheint, häufen sich Beschimpfungen von Kritikern, die die Reinheit der Sprache gefährdet sehen. Einmal habe jemand gar gedroht, ihre beiden kleinen Töchter zu vergewaltigen, erzählt Wiese und wirkt dabei erschreckenderweise fast schon so, als sei das bereits Routine.

Die 46-jährige Professorin der Universität Potsdam macht ihre Arbeit aus Überzeugung. Sie kämpft dafür, dass "Kiezdeutsch" als Dialekt anerkannt wird. Wer Wiese so richtig auf die Palme bringen will, der sagt: "Diese Kiezsprache ist doch falsches, schlechtes Deutsch." Wiese hingegen ist überzeugt, dass die Sprache aus den sozialen Brennpunkten oftmals logischer ist als Standarddeutsch. Die häufige Verwendung des Wörtchens "so" sei ein Beispiel - es werde benutzt, um die Bedeutung eines Objekts hervorzuheben: "Sind wir so Kino gegangen".

Wiese ist überzeugt, dass "Kiezdeutsch" sprechende Jugendliche von einem Moment auf den anderen zur formalen Sprache umschalten können. "Niemand spricht mit seiner Lehrerin so wie mit Freunden – außer man will die Lehrerin ärgern", sagt sie.

Doch wie entstand der Slang? Vor allem, indem junge Menschen mit einer breiten Sprachkompetenz in deutschen Städten zusammen kamen, wie Wiese sagt. Es sei dabei vielerorts ein "Multiethnolekt" geboren - also ein Dialekt der sich auf diversen ethnischen Wurzeln gebildet hat. Dominierend seien dabei die türkisch- und arabischsprechenden jungen Leute.

Umschalten zwischen Arabisch, Deutsch und "Kiezdeutsch"

Zu denen gehört etwa Dalia Hibish. Die 15-jährige besucht auch eine Kreuzberger Schule und arbeitet mit in einem Sprachprojekt, das Heike Wiese begleitet. Dalias Familie stammt aus dem Irak und legt beim Sprechen oft den Schalter in ihrem Kopf um. Zu Hause wird oft Arabisch geredet, die meisten Verwandten leben in Australien und sprechen Englisch, im Unterricht wird Deutsch gesprochen und auf dem Schulhof auch mal ein bisschen "Kiezdeutsch".

Dies zu sprechen mache auch gebildeten Jugendlichen einfach Spaß, sagt Aichat Wendlandt, die in Madagaskar geboren wurde. Weder Sharon, noch Dalia oder Aichat, die alle das Abitur anstreben, sprechen tatsächlich "Kiezdeutsch". Es ist aber nun mal der meist vorherrschende Slang in ihrer Umgebung und manchmal rutsche man dort hinein, sagen alle drei.

Auch Sharon, die keinerlei Wurzeln im Ausland hat, ist mit dem Multikulti-Slang vertraut und erzählt, wie sie einmal versehentlich in einer Schularbeit in den Jargon rutschte. Ihre Lehrerin habe dann daneben geschrieben: "Was willst du mir damit sagen?". Aber so etwas passiere wohl jedem, der wie sie seit acht Jahren eine Kreuzberger Schule besucht, sagt Sharon.

(Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht, Verlag C. H. Beck, München; erscheint am 16. Februar)

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Kommentare
29.01.2012
16:05
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von Klare-Kante-Komiker | #24

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29.01.2012
15:53
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von Klare-Kante-Komiker | #23

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29.01.2012
14:41
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von igel | #22

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29.01.2012
14:23
Yallah! Kiezdeutsch breitet sich in den Städten aus
von roosterkatze | #21

Bravo, die Primis sind auf dem Vormarsch ! Malochen, Alter, hole ich mir lieber Stütze !

Armes Deutschland !!

29.01.2012
13:47
Yallah! Kiezdeutsch breitet sich in den Städten aus
von mar.go | #20

Schlecht-Schreibreform, Dumm-Schwätz, Dumm-Denglisch und jetzt auch noch Kiez-Deutsch. Schade, daß Unarten sich immer so schnell verbreiten.
Als Kultursprache in aller Welt und die Sprache der Dichter und Denker, kann man unsere Sprache jedenfalls vergessen.
Jemand der heute in China Deutsch lernt wird von den ganzen Schlauschwätzern hier
wohl nicht verstanden werden.

29.01.2012
12:03
Kiezdeutsch für 12,95 €
von fummel | #19

Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht, Verlag C. H. Beck, München; erscheint am 16. Februar)

tolle Reklame!

Jetzt nur noch zu Jauch, Beckmann, Illner, Maischberger,Will und Plassberg,

Hab ich eine Sendung vergessen?

Es läuft ja alles wie geschmiert.

29.01.2012
11:22
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von admiral_von_schneider | #18

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1 Antwort
Gossensprache von un(aus)gebildeten Rotzlöffeln
von noriskjustfun | #18-1

Es geht bei dem Forschungsansatz über diese Sprache nicht darum "sich für etwas einzusetzen", sondern darum, deren Entstehung, Entwicklung im (sub)kulturellen Milieu und Entwicklungstendenzen aufzuzeigen. Aufrund dessen wird eine Beurteilung des Einflusses von "Kiezdeutsch" erst ermöglicht.

Slang, Dialekte oder ähnliches als "Gossensprache von Rotzlöffeln" zu kategorisieren, die zu erforschen "typisch (sei) für solche Wissenschaftler" halte ich schon vom sprachlichen Ansatz her für extrem ungeeignet, sich damit hinzustellen und vernünftige Ausbildung zu postulieren: Wen ich als Adressaten abfällig bezeichne, den werde ich sehr wahrscheinlich mit Forderungen an ihn nicht erreichen.

MAn könnte se lediglich tun, indem man z.B. feststellte, dass z.B. Sprecher solcher Jargons die Standardsprache mangelhaft beherrschten (was die Wissenschaftlerin ja verneint), und indem man daraus die Forderung an den Staat als Bildungsmonopolisten und das Privatfernsehen als Multiplikator in der Zielgruppe ableitete, in Bildung und "öffentlichen Schaustellungen" gesteigerten Wert auf Standardsprache zu legen. Gerade bei der von ihnen vermuteten Randschicht als Träger dieser "Sprache" dürfte Lernen durch Nachahmen akzeptierter Vorbilder ja recht erfolgreich sein.
;-))

29.01.2012
11:02
Sozio-, nicht Dialekt
von Stefan2 | #17

Ich halte Kiezdeutsch für einen Soziolekt, nicht für einen Dialekt. Ich glaube, es ist eine Frage der Lebensperspektive, welche Sprache von einem Menschen angenommen und eingeübt wird. Ist ja auch eigentlich gut nachvollziehbar: Einer, der sich eine universitäre Karriere versprechen kann, wird wohl eine andere Sprache annehmen als einer, der im Betrieb ausgelacht wird, wenn er sich gepflegt ausdrückt.

Stellen Sie sich einfach mal vor, jemand sagt in der Schlosserei: "Würdest du mir bitte einmal den Hammer reichen?" Hier begnügt man sich vielleicht besser mit: "Tu mich mal den Mottek!", sonst hast du möglicherweise in der nächsten Frühstückspause Schmirgelpapier auf der Knifte oder den Spind verrödelt. Ähnlichen Anklang dürfte es finden, wenn der Student im Fachbereich Germanistik regelmäßig Dinge sagt wie: "Tu mich mal ebent dat Vorlesungsverzeichnis!"

Ich meine jedoch, Menschen tun gut daran, sich auch die "Hochsprache" des Landes, in dem sie leben, anzueignen, um ihre beruflichen Chancen ein wenig zu verbreitern. Es ist ja schließlich auch denkbar, dass jemand im Betrieb aufsteigt, Lehrlinge ausbildet, eine Meister- oder Technikerqualifikation erwirbt und die Aufgabe bekommt, den Kollegen Wissen zu vermitteln. Dazu bedarf es m. E. schon einer gewissen Sprachkompetenz.

1 Antwort
Das sehe ich ähnlich.
von noriskjustfun | #17-1

Fachsprachen z.B. aus Industrie und Schiffahrt müsste man sonst ebenfalls als Dialekt einordnen.

Kennzeichen von Dialekten aber ist, dass es Regionalsprachen sind, die von Bewohnern bestimmter Regionen über mehrere Generationen hinweg gesprochen bzw. verstanden werden. Grammatik, Vokabular, Satzbau und Betonung weichen z.T. von der Standardsprache ab. Weiteres allgemeines Kennzeichen von Dialekten ist m.E. eine deutliche historische Konstanz.

Im Gegensatz dazu steht z.B. "Jugendsprache" oder Fachjargon. Ihr Vokabular, ihr "grammatischer Aufbau" ändert sich sehr rasch und passt sich im Gegensatz zum Dialekt schnell und überregional aktuellen Trends an: "Die höher als erwarteten Margenschnitte..."

Dass "Kiezdeutsch" ein Dialekt ist, sehe ich daher nicht. Dass er einer werden könnte, halte ich aufgrund seiner Überregionalität und des raschen Wandels von jugendlichen Ausdrucksformen für eher unwahrscheinlich.

Die Sprachwissenschaftlerin sollte sich mal mit Historikern und Sozialwissenschaftlern, die zu Jugendkultur und "Jugendgeschichte" forschen, darüber unterhalten.

29.01.2012
10:54
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von holmark | #16

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29.01.2012
10:50
Kiezdeutsch im Krankenhaus - nicht lustig
von haltestelle | #15

Seit ich am Krankenbett eines todkranken Freundes eine junge Ärztin!!! (Deutsche) mit isch und misch hab rumstammeln hören, wird mir schlecht, wenn ich diesen Slang höre und lese.

Wenn sie vielleicht sonstige Qualitäten hatte: so eine Kommunikation wünscht man sich nicht, wenn es auf mal Präzision ankommt.

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